O Heiland, reiß die Himmel auf

Kategorie: Adventslieder

O Heiland, reiß die Himmel auf,
herab, herab vom Himmel lauf.
Reiß ab vom Himmel Tor und Tür,
reiß ab, wo Schloß und Riegel für!

O Gott, ein’ Tau vom Himmel gieß,
im Tau herab, o Heiland, fließ!
Ihr Wolken, brecht und regnet aus
den König über Jakobs Haus.

O Erd’, schlag aus, schlag aus, o Erd’,
daß Berg und Tal grün alles werd’!
O Erd’, herfür dies Blümlein bring,
o Heiland, aus der Erden spring!

Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt,
darauf sie all’ ihr’ Hoffnung stellt?
O komm, ach komm vom höchsten Saal,
komm, tröst uns hier im Jammertal!

O klare Sonn’, du schöner Stern,
dich wollten wir anschauen gern.
O Sonn’, geh auf, ohn’ deinen Schein
in Finsternis wir alle sein!

Hier leiden wir die größte Not,
vor Augen steht der ewig’ Tod:
Ach komm, führ uns mit starker Hand
vom Elend zu dem Vaterland!

Da wollen wir all’ danken dir,
unserem Erlöser, für und für.
Da wollen wir all’ loben dich
je allzeit immer und ewiglich!

Autor: Friedrich Spee

Kurze einleitende Zusammenfassung

"O Heiland, reiß die Himmel auf" ist ein zeitloser Adventsklassiker, der sich fundamental von besinnlichen Weihnachtsliedern unterscheidet. Seine unverwechselbare Kraft liegt in der drängenden, fast gewaltsamen Bildsprache. Stille Nacht und frohe Erwartung sucht man hier vergebens. Stattdessen fordert der Text mit eindringlichen Imperativen die Ankunft des Erlösers ein. Dieses Lied ist ein sehnsuchtsvoller, dramatischer Aufschrei aus der Dunkelheit, der die Adventszeit in ihrer ursprünglichsten Bedeutung als Zeit der hoffnungsvollen und ungeduldigen Erwartung einfängt.

Historie & Entstehungsgeschichte

Der Text stammt aus der Feder des Jesuitenpaters Friedrich Spee von Langenfeld und wurde erstmals 1622 in der Sammlung "Trutz-Nachtigall" veröffentlicht. Entstanden ist es somit in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, einer Ära unvorstellbaren Leids, religiöser Spannungen und allgemeiner Unsicherheit. Diese düstere historische Realität bildet den unmittelbaren Hintergrund für die verzweifelte Sehnsucht nach Rettung, die jedes Wort des Gedichts durchzieht. Die heute geläufige, schlicht-eindringliche Melodie stammt aus dem katholischen Gesangbuch "Andächtig und nützliches Gesangbüchlein" (1666) und wird dem Mainzer Kapellmeister Johann Georg Geisthirt zugeschrieben. Die Verbindung von Spees Text mit dieser Melodie etablierte das Lied dauerhaft im katholischen und später auch evangelischen Gesangbuch.

Biografischer Kontext

Friedrich Spee (1591-1635) war nicht nur Dichter, sondern auch ein mutiger Theologe und Moralist. Er ist eine der bedeutendsten Figuren der deutschen Barockliteratur. Seine "Trutz-Nachtigall" ist eine Sammlung geistlicher Lyrik voller Naturbilder und emotionaler Tiefe. Weltgeschichtlich noch wichtiger ist sein Werk "Cautio Criminalis", eine scharfe Anklage gegen die Hexenprozesse seiner Zeit. Spee riskierte damit seine Stellung und sein Leben, um gegen den Wahn und die Folter zu argumentieren. Dieses Engagement für die Gequälten und Verzweifelten schwingt auch in "O Heiland, reiß die Himmel auf" mit. Der Autor, der das Leid der Verfolgten kannte, schuf ein Lied, das die kollektive Not einer ganzen Generation in Worte fasst.

Inhaltliche Deutung & Botschaft

Die Kernbotschaft ist eine dreifache, dringliche Bitte: "Komm! Verändere! Rette!" Das Lied beginnt nicht sanft, sondern mit dem gewaltsamen Bild des Aufreißens des Himmels. Es ist ein Angriff auf die scheinbar unüberwindbare Trennung zwischen Gott und der leidenden Menschheit. Die Bilderfolge ist dynamisch: Vom gewaltsamen Öffnen des Himmels über das Herabfließen des Taus und das Aufbrechen der Erde bis zum schließlich flehenden "Ach komm". Es geht um die radikale Transformation einer als öde, finster und todgeweiht empfundenen Welt ("Jammertal", "Finsternis", "ewig' Tod") durch die Ankunft des Heilands. Es ist die Theologie der Adventzeit in ihrer reinen, ungeduldigen Form.

Kulturelle und historische Bedeutung

Das Lied hat einen festen Platz im deutschen Adventsbrauchtum, besonders in katholischen Regionen. Es ist kein Lied für den Heiligen Abend, sondern prägt die Stimmung der vier vorbereitenden Wochen. Seine Bedeutung geht über den kirchlichen Raum hinaus, da es ein zutiefst menschliches Gefühl der Sehnsucht nach Veränderung und Rettung ausdrückt. Internationale Übersetzungen existieren (z.B. "O Saviour, rend the heavens wide"), doch seine größte Wirkung entfaltet es im deutschen Sprachraum. Es wird häufig in Konzerten mit Alter Musik oder von Chören aufgeführt, die die geistliche Musik des Barock pflegen, und gilt als Musterbeispiel für die expressive Lyrik dieser Epoche.

Welche Stimmung erzeugt das Lied?

"O Heiland, reiß die Himmel auf" erzeugt eine intensive, dichte und bewegende Stimmung. Es ist von einer ungeduldigen, fast verzweifelten Sehnsucht geprägt. Die vielen Ausrufe und Befehle ("reiß ab", "komm", "geh auf") verleihen ihm einen dringlichen, flehenden Charakter. Gleichzeitig schwingt eine tiefe Hoffnung mit, dass diese Rettung möglich ist. Es ist keine friedvolle oder heimelige Stimmung, sondern eine ernste, nachdenkliche und zugleich kraftvolle Atmosphäre. Die Musik unterstreicht dies durch ihren schreitenden Rhythmus und die meist in Moll beginnende, dann nach Dur aufbrechende Harmonik.

Für welche Anlässe eignet sich das Lied?

Das Lied ist der perfekte musikalische Begleiter für den frühen Advent, insbesondere für den ersten Adventssonntag, an dem das Thema "Wachen und Harren" im Mittelpunkt steht. Es passt ausgezeichnet in Gottesdienste oder Andachten, die sich mit der Dunkelheit und der Hoffnung auf Licht auseinandersetzen. Auch für stimmungsvolle Adventssingkreise, die mehr als nur die üblichen Weihnachtsklassiker pflegen wollen, ist es eine Bereicherung. Sein dramatischer Charakter macht es zudem zu einem eindrucksvollen Stück in Adventskonzerten, wo es als kontrastierendes, tiefgründiges Element wirken kann.

Für wen eignet sich das Lied?

Das Lied spricht Menschen an, die die Adventszeit als Zeit der inneren Einkehr und der ernsthaften Vorbereitung schätzen. Es eignet sich für erwachsene Sänger und Zuhörer, die bereit sind, sich auf die theologisch und emotional anspruchsvolle Textbotschaft einzulassen. Auch Jugendliche, die sich mit Themen wie Sehnsucht, Hoffnung und gesellschaftlichem Wandel identifizieren können, finden hier einen kraftvollen Ausdruck. Chorsänger lieben das Lied oft für seine ausdrucksstarke Melodik und die Möglichkeit, die dramatischen Textstellen musikalisch zu gestalten.

Für wen eignet es sich weniger?

Für sehr junge Kinder, die Weihnachten vor allem mit freudiger Vorfreude und festlicher Stimmung verbinden, ist der düstere, flehende Ton möglicherweise schwer zugänglich. Wer in der Adventszeit ausschließlich nach unbeschwerter, heiterer und gemütlicher Musik sucht, um sich in Weihnachtsstimmung zu bringen, könnte von der Intensität dieses Liedes überfordert sein. Es ist auch weniger geeignet für rein gesellige Runden, in denen es primär um das lockere gemeinsame Singen bekannter Hits geht, da Text und Melodie eine gewisse konzentrierte Aufmerksamkeit verlangen.

Abschließende Empfehlung

Wähle dieses Lied genau dann, wenn du die Adventszeit in ihrer vollen Tiefe erleben möchtest. Der perfekte Moment ist ein stiller, dunkler Abend in der ersten Dezemberwoche, vielleicht wenn du das erste Licht am Adventskranz anzündest. In diesem Moment des Übergangs von der alltäglichen Hektik in eine besinnlichere Zeit gibt "O Heiland, reiß die Himmel auf" deiner eigenen Sehnsucht nach Ruhe, Klarheit und neuer Hoffnung eine machtvolle Stimme. Es ist das Lied für den Beginn der Reise, ein musikalisches Gebet, das die verschlossenen Türen unserer Routine aufbrechen und Raum für das Wunder der Weihnacht schaffen will. Singe oder höre es, wenn du bereit bist, nicht nur auf das Fest, sondern auch auf die Dunkelheit zu schauen, die ihm vorausgeht.

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