DDR Weihnachtslieder

Das Fest der Feste - Weihnachten - wurde auch jenseits des eisernen Vorhangs gefeiert. Und dazu gehörte natürlich auch das adäquate Liedgut, welches in der Weihnachtszeit und speziell zur Bescherung im Kreise der Familie gesungen, über den Rundfunk der DDR empfangen oder auf dem Plattenteller abgespielt wurde.

Grundsätzlich unterschieden sich die Weihnachtslieder in der DDR nicht von denen im Westen Deutschlands. Die Vorfreude auf Weihnachten, die friedliche Stimmung des Winters und eine große Portion Besinnlichkeit wurde in beiden deutschen Staaten besungen. Allerdings waren die Lieder textlich im Westen eher traditionell-christlich geprägt und im Osten hingegen mitunter von einer politisch-sozialistischen Note durchzogen. Letztere hielt sich bei vielen Stücken allerdings in Grenzen. Zudem wurden die Lieder in der DDR fast immer von einem Kinderchor gesungen.

Statt Jesu Geburt feierten die Menschen in der Deutschen Demokratischen Republik Weihnachten eher als ein sozialistisches Friedensfest und machten insbesondere den Winter zu einem dominierenden Thema in den Liedtexten. Dabei bewiesen die Komponisten oftmals echtes Improvisationstalent. Christliches Gedankengut sollte weniger im Vordergrund stehen und so wurde kurzerhand der Text so manchen traditionellen Weihnachtsliedes mit besinnlicher Dezemberstimmung und dem Wunsch nach Frieden unter den Völkern modifiziert.

Auch die in der DDR entstandenen Lieder vermitteln diese Botschaft, die - unabhängig von jedem politischen System - auch heute noch in den meisten Fällen durchaus aktuell und wünschenswert ist. So verwundert es weniger, dass sich die DDR Weihnachtslieder bis zum heutigen Tage einer treuen Hörerschaft erfreuen.

Inhaltsverzeichnis

DDR Weihnachtslieder zum Anhören und Mitsingen

Einige der schönsten und bekanntesten weihnachtlichen Musikstücke aus der Zeit der DDR findet Ihr im Folgenden.

Guten Abend, schön' Abend, es weihnachtet schon

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Sind die Lichter angezündet

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So viel Heimlichkeit

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Tausend Sterne sind ein Dom

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Vorfreude, schönste Freude

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Weihnachten in der DDR: Ein Fest zwischen Ideologie und Herzlichkeit

Der Staat der DDR hatte ein kompliziertes Verhältnis zu Weihnachten. Einerseits war das Fest christlichen Ursprungs - und das Christentum stand in deutlichem Widerspruch zur sozialistischen Weltanschauung, die keinen Raum für Religion vorsah. Andererseits war Weihnachten tief in der Lebenswelt der Menschen verankert: in Familienerinnerungen, in Kindheitsgefühlen, in einer Sehnsucht nach Geborgenheit, die kein politisches System einfach wegdekretieren kann.

Die pragmatische Lösung, die die DDR fand, war keine vollständige Abschaffung, sondern eine Umdeutung. Das Fest blieb - als staatlich anerkannter Feiertag, als Zeit der Familie und des Zusammenkommens. Die religiöse Dimension wurde offiziell in den Hintergrund gedrängt, die menschliche Dimension betont. "Weihnachten ist ein Fest des Friedens, der Menschlichkeit und der Gemeinschaft" - so lautete die inoffizielle Botschaft. Und in diesem Rahmen hatte Musik eine zentrale Funktion: Sie sollte das Fest emotional zugänglich machen, ohne dabei religiöse Bekenntnisse zu transportieren.

Das sozialistische Friedensfest: Wie ein Staat ein Fest umdeutete

Die Idee des "Friedensfestes" war die wichtigste ideologische Umdeutungsstrategie der DDR gegenüber Weihnachten. Frieden - ein Wert, der in der Nachkriegsgesellschaft eine außerordentliche emotionale Kraft hatte - wurde zum zentralen Thema der Feiertage erklärt. Das ermöglichte es, Weihnachten zu feiern, ohne explizit religiös zu sein.

Für die Liedkultur hatte das unmittelbare Konsequenzen. Texte, die von der Geburt Christi sprachen, wurden problematisch. Texte, die von Frieden, Gemeinschaft, Winterstimmung und der Sehnsucht nach einer besseren Welt sprachen, waren willkommen. Diese inhaltliche Verschiebung ist in vielen DDR-Weihnachtsliedern direkt hörbar: Frieden unter den Völkern, Kinder, die lachen, Schnee, der die Welt in stilles Weiß hüllt - das sind die Themen, die dominieren, während die Krippe oft fehlt oder nur am Rande auftaucht.

Was dabei entstand, war nicht nur Propaganda. Die echte Friedenssehnsucht einer Generation, die den Zweiten Weltkrieg erlebt hatte, floss in diese Texte ein. Das macht viele DDR-Weihnachtslieder ehrlicher, als ihre politische Rahmung vermuten lässt: Sie sprechen von etwas, das die Menschen wirklich wollten - unabhängig davon, welche Absichten der Staat mit ihrer Verbreitung verfolgte.

Wenn Texte verändert werden: Die Kunst der ideologischen Umschreibung

Manche der bekanntesten deutschen Weihnachtslieder existieren in der DDR in eigenen Textversionen, die ihre religiöse Substanz abmildern oder vollständig ersetzen. Dieses Phänomen ist historisch einzigartig und kulturell hochinteressant - denn es zeigt, wie eine politische Macht mit kulturellem Erbe umgeht, das sie nicht einfach abschaffen kann.

Besonders aufschlussreich ist der Umgang mit Liedern, die von Advent und Ankunft handeln. Wo der ursprüngliche Text von Christus sprach, der kommt, wurde in DDR-Versionen oft "das Licht", "der Frieden" oder "die Freude" zum Subjekt des Kommens. Die Melodie blieb dieselbe - vertraut, beruhigend, heimisch. Nur die theologische Aussage wurde herausgelöst und durch eine humanistische ersetzt.

Wie die Bevölkerung diese Umschreibungen aufnahm, ist schwer pauschal zu beantworten. In kirchlichen Familien wurden die Originalversionen im privaten Rahmen weitergesungen. In Familien mit wenig Kirchenbindung wurden die neuen Texte womöglich gar nicht als Ersatz wahrgenommen, sondern schlicht als die Version, die man kannte. Dieser Unterschied zwischen öffentlichem und privatem Singen ist ein interessanter Einblick in den Alltag eines Staates, der das Private nie vollständig kontrollieren konnte.

Dezember 1975, Plattenbau, drittes Stockwerk: Eine kollektive Erinnerung

Millionen von Menschen verbinden DDR-Weihnachtslieder nicht mit Geschichte oder Politik, sondern mit dem intimsten Winkel ihrer Kindheit. Das Knistern des Radios am Abend des 24. Dezember. Die vertraute Stimme des Kinderchorsopranos, die das Zimmer füllte. Das Aufleuchten der Kerzen am selbst gebastelten Adventskranz. Diese Bilder und Klänge gehören zusammen - und man kann das eine nicht hören, ohne das andere zu fühlen.

Diese Art von Erinnerung ist universell und doch spezifisch. Universell, weil Kindheitsweihnachten überall auf der Welt eine ähnliche emotionale Kraft haben. Spezifisch, weil der genaue Klang der DDR-Weihnachtslieder - ihre Produktion, ihre Besetzung, ihre Arrangements - unverwechselbar ist. Ein Erwachsener, der in Halle oder Karl-Marx-Stadt aufgewachsen ist, erkennt diese Klangwelt sofort wieder, auch nach Jahrzehnten und auch wenn er die Liedtitel nicht mehr weiß.

Diese emotionale Bindung ist einer der Hauptgründe, warum DDR-Weihnachtslieder bis heute ihre Hörerschaft haben. Sie funktionieren als Schlüssel zu einer Zeit, die für viele Menschen - trotz aller politischen Unfreiheit - auch eine Zeit echter menschlicher Wärme war.

Kinderchöre als Stimme des DDR-Weihnachts

Ein charakteristisches Merkmal der DDR-Weihnachtsmusik ist die zentrale Rolle der Kinderchöre. Fast alle bedeutenden Weihnachtsaufnahmen aus der DDR wurden von Kinderchören eingespielt - und das war keine zufällige Entscheidung.

Kinderchöre hatten in der DDR einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert. Sie standen für Gemeinschaft, Disziplin und kulturelle Bildung - alles Werte, die das sozialistische Bildungssystem hochhielt. Bekannte Ensembles wie der Dresdner Kreuzchor, der Thomanerchor Leipzig oder der RIAS-Kinderchor (im geteilten Berlin) hatten einen Ruf, der weit über die Grenzen der DDR hinausging. Ihre Aufnahmen wurden zu den Standardversionen der DDR-Weihnachtslieder und sind bis heute die klanglich prägenden Versionen für eine ganze Generation.

Es gibt dabei eine gewisse Ironie: Der Dresdner Kreuzchor und der Thomanerchor sind seit Jahrhunderten kirchliche Einrichtungen mit explizit religiöser Tradition. Dass ausgerechnet diese Chöre die Stimme des sozialistischen Weihnachtsfestes wurden, zeigt, wie wenig ein Staat kulturelle Institutionen, die in der Bevölkerung tief verwurzelt sind, einfach ersetzen kann.

Radio und Schallplatte: Wie Weihnachtsmusik die DDR-Haushalte erreichte

Der DDR-Rundfunk spielte im Dezember eine Weihnachtsmusik ab, die sorgfältig kuratiert war - ideologisch unbedenklich, emotional wirkungsvoll, qualitativ hochwertig. Für viele Familien in der DDR war das Radio die Hauptquelle ihrer Weihnachtsmusik, und die Lieder, die dort liefen, wurden zu den klingenden Anker ihrer Weihnachtserinnerungen.

Parallel dazu war die Schallplattenindustrie der DDR - vor allem das Label AMIGA - aktiv dabei, Weihnachtsalben zu produzieren. Diese Platten wurden zu begehrten Weihnachtsgeschenken und sind heute gesuchte Sammlerstücke. Ihre Cover zeigen oft winterliche Motive - verschneite Dörfer, Kerzen, Kinder - in einem charakteristischen Grafikdesign der Epoche, das heute gleichzeitig nostalgisch und ästhetisch eigenständig wirkt.

Wer eine dieser alten AMIGA-Platten heute aufschlägt und den Klang der Nadel auf der Rille hört, erlebt etwas, das Streaming nicht reproduzieren kann: eine physische Verbindung zu einer Zeit, die vergangen ist, aber in diesen Aufnahmen noch lebt. Das erklärt teilweise, warum DDR-Weihnachtsplatten auf Flohmärkten und bei Sammlern nach wie vor sehr gefragt sind.

Originale DDR-Kompositionen: Was wirklich neu entstand

Neben den umgeschriebenen Klassikern entstanden in der DDR auch echte Originalkompositionen - Weihnachtslieder, die nicht auf vorhandenem Material basierten, sondern von Grund auf neu geschaffen wurden.

  • Thematischer Fokus auf Kinder: Viele originale DDR-Weihnachtslieder stellen Kinder in den Mittelpunkt - ihre Freude, ihre Erwartung, das Leuchten ihrer Augen. Das war ideologisch opportun (Kinder als Zukunft des sozialistischen Staates), traf aber auch echte emotionale Bedürfnisse der Zuhörer.
  • Natur als zentrales Motiv: Schnee, Frost, Tannenwald, Sternenhimmel - die Natur wurde zum wichtigsten Bedeutungsträger dieser Lieder, weil sie politisch neutral und emotional aufgeladen zugleich ist. Niemand kann einen verschneiten Winterwald verstaatlichen.
  • Friedenslyrik: Viele Texte beschwören explizit den Frieden - nicht als religiöses Geschenk, sondern als politische Forderung und menschliches Bedürfnis. In der Zeit des Kalten Krieges hatten diese Verse eine Dringlichkeit, die aus heutiger Perspektive beeindruckt.
  • Gemeinschaft und Wärme: Die Wärme des Zusammenseins, das Feuer im Kamin, das Beisammensein der Familie - diese Bilder finden sich in originalen DDR-Weihnachtsliedern besonders häufig. Sie boten emotionale Zuflucht in einem System, das den Menschen in vieler Hinsicht einengte.

Warum DDR-Weihnachtslieder bis heute gehört werden

Mehr als drei Jahrzehnte nach dem Ende der DDR werden ihre Weihnachtslieder noch immer gehört - und das nicht nur von Menschen, die dort aufgewachsen sind. Was erklärt dieses Fortleben?

Ein Teil der Antwort ist Nostalgie - aber nicht im simplen Sinne. Die Menschen, die in der DDR Weihnachten gefeiert haben, verbinden diese Lieder mit echten, oft schönen Erinnerungen: der Wärme einer Familie in einer Wohnung, dem Duft von Christstollen, dem Aufleuchten von Kerzen. Diese Erinnerungen sind real und wertlos, auch wenn das System, in dem sie entstanden, es nicht war. Die Lieder tragen diese Erinnerungen in sich - und das macht sie wertvoll.

Ein anderer Teil der Antwort ist ästhetisch. Viele DDR-Weihnachtsaufnahmen sind handwerklich außerordentlich gut. Die Kinderchöre sangen auf höchstem Niveau, die Produktionen waren trotz beschränkter Mittel sorgfältig ausgeführt, und die Melodien - oft dieselben wie im Westen - klingen in diesen Versionen auf eine bestimmte Weise, die sich nicht reproduzieren lässt. Es ist der Klang einer bestimmten Zeit, einer bestimmten Akustik, einer bestimmten Stimmung. Dieser Klang ist unwiederholbar - und genau deshalb wird er gesucht.

Nach 1990: Was aus den Liedern wurde

Mit dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung Deutschlands 1990 änderte sich für die DDR-Weihnachtslieder alles und nichts zugleich. Alles, weil der staatliche Rahmen, der sie produziert und verbreitet hatte, wegfiel. Nichts, weil die Menschen, die mit diesen Liedern aufgewachsen waren, sie weiter hörten und sangen.

In den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung wurden DDR-Weihnachtslieder von manchen als Überbleibsel eines überwundenen Systems betrachtet. Diese Haltung änderte sich schnell. Die Nostalgie war stärker als die politische Skepsis, und die Qualität der Aufnahmen rechtfertigte ihren Fortbestand unabhängig von ihrer Herkunft. Bereits in den mittleren 1990er Jahren begann die Wiederveröffentlichung auf CD - und die Resonanz überraschte viele Beobachter.

Heute werden DDR-Weihnachtslieder in einem vollständig anderen Kontext rezipiert als dem, in dem sie entstanden. Kein Mensch hört "Schneeflöckchen Weißröckchen" heute als sozialistisches Kulturgut. Er hört es als Kindheitslied, als Wintersong, als etwas, das Wärme erzeugt. Diese Kontextverschiebung ist die vielleicht größte Erfolgsgeschichte dieser Musik.

Ostalgie oder echte Qualität? Eine ehrliche Einschätzung

Die Frage, ob DDR-Weihnachtslieder heute wegen ihrer musikalischen Qualität gehört werden oder weil sie Träger von Nostalgie sind, ist legitim - und die ehrliche Antwort lautet: beides, in unterschiedlichem Verhältnis, je nach Lied.

Es gibt Aufnahmen aus der DDR, die handwerklich auf dem höchsten Niveau sind - vor allem die Choraufnahmen der großen Ensembles. Wer einen guten Knabenchor kennt und eine entsprechende Aufnahme aus den 1970er Jahren hört, hört keine Nostalgie, sondern schlicht hervorragendes Singen. Diese Qualität existiert unabhängig von politischem Kontext und unabhängig davon, ob man die DDR für ein sehenswertes Kapitel der Geschichte hält oder nicht.

Auf der anderen Seite gibt es Lieder, deren Charme ausschließlich in ihrer Zeitgebundenheit liegt - in der charakteristischen Klangtextur der Aufnahmetechnik, in bestimmten Instrumentierungen, die heute alt klingen, in einem Gesangsstil, der unverkennbar einer bestimmten Epoche angehört. Auch das ist eine Art Qualität: Authentizität. Ein Lied, das genau so klingt wie es klingt und dabei an keine Mode angepasst wurde, hat eine Ehrlichkeit, die zeitlose Produktionen manchmal vermissen lassen.

Fragen zu DDR-Weihnachtsliedern

Wurden religiöse Weihnachtslieder in der DDR verboten?

Verboten im strikten Sinne wurden sie in der Regel nicht - aber sie wurden im öffentlichen Raum aktiv zurückgedrängt. Im Rundfunk liefen bevorzugt Lieder ohne religiösen Inhalt oder in angepassten Versionen. In der Kirche selbst durften religiöse Lieder weiterhin gesungen werden - die Kirche war in der DDR ein schwer zu kontrollierender Eigenraum. Im privaten Familienkreis war das Singen traditioneller, religiöser Weihnachtslieder ebenfalls nicht verboten, auch wenn es nicht gefördert wurde.

Welche Rolle spielte der Dresdner Kreuzchor bei DDR-Weihnachtsmusik?

Der Dresdner Kreuzchor ist eine der ältesten Choreinrichtungen Deutschlands, gegründet im 13. Jahrhundert, und er hat in der DDR trotz seiner explizit kirchlichen Tradition weiterhin Bestand gehabt. Seine Weihnachtsaufnahmen - viele davon für das AMIGA-Label produziert - gehören zu den klanglich bedeutendsten Dokumenten der DDR-Weihnachtsmusik und sind bis heute in Gebrauch. Der Chor hat die politischen Wechsel überlebt und ist heute einer der gefragtesten Weihnachtschöre Deutschlands.

Gibt es DDR-Weihnachtslieder, die im Westen Deutschlands nicht bekannt waren?

Ja, einige originale DDR-Kompositionen blieben durch den Eisernen Vorhang weitgehend auf den Osten beschränkt. Nach der Wiedervereinigung wurden viele davon einem breiteren Publikum bekannt - teils durch Nostalgiesendungen, teils durch Wiederveröffentlichungen alter AMIGA-Platten. Manche dieser Lieder haben inzwischen eine gesamtdeutsche Hörerschaft gefunden, andere sind nach wie vor vor allem im Osten Deutschlands lebendig.

Was ist das AMIGA-Label und warum ist es für DDR-Weihnachtsmusik bedeutsam?

AMIGA war das staatliche Schallplattenlabel der DDR für populäre Musik - im Gegensatz zu ETERNA, das klassische Musik herausbrachte. AMIGA produzierte Weihnachtsalben, die zu den meistgekauften Schallplatten des Jahres gehörten. Die Qualität dieser Aufnahmen war oft bemerkenswert hoch, und die Cover-Gestaltung folgte einem charakteristischen ästhetischen Stil, der heute als eigenständiges Designerbe geschätzt wird. Originalplatten aus dieser Zeit sind bei Sammlern gefragt.

Kann man DDR-Weihnachtslieder heute noch kaufen oder streamen?

Ja - viele der bekanntesten DDR-Weihnachtsaufnahmen sind auf modernen Streaming-Plattformen verfügbar, oft unter Titeln wie "DDR-Weihnachten" oder "Weihnachten wie früher". Auf CD wurden viele dieser Aufnahmen nach der Wiedervereinigung wiederveröffentlicht. Originalschallplatten finden sich auf Flohmärkten und bei spezialisierten Händlern - oft zu überraschend günstigen Preisen, obwohl das Interesse in den letzten Jahren deutlich gestiegen ist.

Gab es in der DDR einen offiziellen Weihnachtssong - eine Art "Staatshymne" des Festes?

Einen einzigen, offiziell designierten "Staatssong" gab es nicht. Aber "Stille Nacht" blieb faktisch das meistgespielte Lied, und bestimmte Kinderchoraufnahmen - besonders die des Dresdner Kreuzchors - hatten eine so breite Verbreitung, dass sie de facto zur Standardversion wurden. Im Rundfunk liefen bestimmte Produktionen regelmäßig, sodass eine Art informeller Kanon entstand, der von Millionen Menschen als "das" DDR-Weihnachten empfunden wurde.

Haben DDR-Bürger auch westdeutsche Weihnachtslieder gehört?

Ja - über den sogenannten "Westrundfunk", den viele DDR-Haushalte trotz offizieller Ablehnung empfingen. Besonders in Grenznähe war westdeutsches Radio gut zu empfangen. Ob und wie viel jemand hörte, war eine sehr individuelle Entscheidung - und sie war mit einem gewissen gesellschaftlichen Risiko verbunden, das je nach Berufsfeld und Wohnort unterschiedlich ausgeprägt war.

Was ist der kulturhistorische Wert von DDR-Weihnachtsliedern?

Ihr Wert liegt auf mehreren Ebenen. Als musikhistorisches Dokument zeigen sie, wie eine Gesellschaft mit dem Spannungsverhältnis zwischen staatlicher Kulturpolitik und menschlichem Bedürfnis nach Tradition umgeht. Als sozialgeschichtliche Quelle geben sie Einblick in den Alltag von vierzig Millionen Menschen über vier Jahrzehnte. Und als lebendige Erinnerungskultur sind sie für Millionen Menschen bis heute ein direkter Zugang zu einem Teil ihrer Biografie, der mit keiner anderen Quelle so direkt erreichbar ist.

Darf man DDR-Weihnachtslieder ohne schlechtes Gewissen genießen?

Ja - und das ohne Vorbehalt. Musik, die in einem bestimmten politischen System entstand, wird durch den Genuss nicht zu einem Bekenntnis zu diesem System. DDR-Weihnachtslieder sind Musik, die von Menschen für Menschen gemacht wurde, die ein Fest feiern wollten. Das ist ihr eigentlicher Kern - und der hat mit dem Staatssozialismus nur am Rande zu tun.

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