Ihr lieben Christen, freut euch nun
Kategorie: Adventslieder
Ihr lieben Christen, freut euch nun,
Autor: Erasmus Alberus
bald wird erscheinen Gottes Sohn,
der unser Bruder worden ist,
das ist der lieb Herr Jesus Christ.
Der Jüngste Tag ist nun nicht fern,
komm, Jesu Christe, lieber Herr!
Kein Tag vergeht, wir warten dein
und wollten gern bald bei dir sein.
Du treuer Heiland Jesu Christ,
dieweil die Zeit erfüllet ist,
die uns verkündet Daniel,
so komm, lieber Immanuel.
Der Teufel brächt uns gern zu Fall
und wollt uns gern verschlingen all.
Er tracht' nach Leib, Seel, Gut und Ehr.
Herr Christ, dem alten Drachen wehr.
Ach lieber Herr, eil zum Gericht.
Laß sehn dein herrlich Angesicht,
das Wesen der Dreifaltigkeit.
Das helf uns Gott in Ewigkeit.
- Kurze einleitende Zusammenfassung
- Historie & Entstehungsgeschichte
- Biografischer Kontext
- Inhaltliche Deutung & Botschaft
- Kulturelle und historische Bedeutung
- Welche Stimmung erzeugt das Lied?
- Für welche Anlässe eignet sich das Lied?
- Für wen eignet sich das Lied?
- Für wen eignet sich das Lied weniger?
- Abschließende Empfehlung
Kurze einleitende Zusammenfassung
Das Lied "Ihr lieben Christen, freut euch nun" ist ein faszinierender und oft unterschätzter Schatz aus der frühen evangelischen Kirchenmusik. Was es so unverwechselbar macht, ist seine kraftvolle Mischung aus adventlicher Vorfreude auf Weihnachten und der eindringlichen Erwartung des Jüngsten Gerichts. Es ist kein besinnliches Wiegenlied, sondern ein theologisch dichtes und kämpferisches Glaubensbekenntnis, das die Weihnachtsgeschichte in einen größeren, dramatischen Heilsplan einordnet.
Historie & Entstehungsgeschichte
Der Text stammt von dem Reformator und Luther-Mitarbeiter Erasmus Alberus und wurde vermutlich um 1550 verfasst. Es erschien zuerst in einem Gesangbuch in Frankfurt an der Oder. Die heute geläufige, eindringliche Melodie in dorischer Tonart ist noch älter. Sie stammt ursprünglich aus dem 15. Jahrhundert und war zunächst ein weltliches Tanzlied. In der Reformationszeit wurde diese beliebte Volksweise oft mit neuen geistlichen Texten unterlegt, ein Verfahren, das Martin Luther selbst häufig nutzte, um seine Botschaft unter die Leute zu bringen. So wurde diese eingängige Melodie zum perfekten Gefäß für Alberus' kraftvolle Worte.
Biografischer Kontext
Erasmus Alberus (ca. 1500–1553) war eine zentrale, wenn auch heute weniger bekannte Figur der Reformation. Er war ein enger Vertrauter und vehementer Verteidiger Martin Luthers, mit dem er persönlich in Wittenberg zusammengearbeitet hat. Alberus wirkte als Pfarrer, Schulmeister und streitbarer Schriftsteller. Seine Lieddichtungen zeichnen sich durch eine klare, volksnahe Sprache und eine unerschütterliche theologische Schärfe aus. Er verstand das Lied als "Waffe" im Glaubenskampf, was den kämpferischen Ton in "Ihr lieben Christen, freut euch nun" perfekt erklärt. Seine Werke sind damit ein authentisches Zeugnis der kämpferischen Frühphase des Protestantismus.
Inhaltliche Deutung & Botschaft
Die Kernbotschaft des Liedes ist die Verbindung von Weihnachten und Weltgericht. Es beginnt zwar mit der Freude auf die Geburt Jesu, die als bereits geschehenes Heilsereignis ("der unser Bruder worden ist") gefeiert wird. Schnell weitet sich der Blick jedoch auf die Wiederkunft Christi am Jüngsten Tag. Das Lied ist ein Gebet um das baldige Kommen Jesu zum Gericht. Dabei wird die irdische Bedrängnis durch den Teufel, der nach "Leib, Seel, Gut und Ehr" trachtet, sehr konkret beschrieben. Die Botschaft ist tröstlich und stark zugleich: Der gleiche Christus, der als Kind kam, wird als Richter kommen, um sein Volk endgültig zu erlösen und den "alten Drachen" zu besiegen.
Kulturelle und historische Bedeutung
In der deutschen Weihnachtskultur nimmt dieses Lied eine besondere Nische ein. Es ist ein typisches Lied der Adventszeit im ursprünglichen Sinn: einer Zeit der ernsten Buße und sehnsüchtigen Erwartung, nicht nur des Kindes in der Krippe, sondern des kommenden Richters der Welt. Es ist ein wichtiges Dokument reformatorischer Frömmigkeit, die Weihnachten nie isoliert, sondern immer im Gesamtkontext der Heilsgeschichte sieht. Internationale Übersetzungen oder große popkulturelle Adaptionen sind nicht bekannt, was seinen Charakter als spezifisch deutsch-theologisches Lied unterstreicht. Es wird vor allem in evangelischen Landeskirchen und in der evangelikalen Gemeindearbeit gepflegt.
Welche Stimmung erzeugt das Lied?
Die Stimmung ist alles andere als heimelig. Die dorische Melodie erzeugt eine ernste, urgierende und leicht düstere Grundstimmung. Der Text verstärkt dies durch Bilder des Kampfes ("Der Teufel brächt uns gern zu Fall") und der sehnsuchtsvollen, fast ungeduldigen Erwartung ("Ach lieber Herr, eil zum Gericht"). Es ist ein Lied der standhaften Hoffnung in Bedrängnis, mehr ein tröstlicher Schlachtruf als ein sanftes Schlaflied. Es hinterlässt ein Gefühl der Stärkung und der Ausrichtung auf das Wesentliche.
Für welche Anlässe eignet sich das Lied?
Es eignet sich hervorragend für den Beginn der Adventszeit, besonders für den ersten Advent, der traditionell das Thema "Wiederkunft Christi" in den Mittelpunkt stellt. Perfekt ist es auch für Gottesdienste oder Andachten, die sich mit den Themen Hoffnung, Endzeit oder geistlicher Kampfführung beschäftigen. Es passt weniger in die stille Heilige Nacht, sondern vielmehr in die davorliegende Zeit des Wartens und Sehnens. Ein idealer Moment ist auch, wenn du nach einem Lied suchst, das die Tiefe und Dramatik der adventlichen Botschaft jenseits von Glockenglöckchen und Schneegestöber zeigt.
Für wen eignet sich das Lied?
Das Lied spricht besonders Menschen an, die theologische Tiefe schätzen und sich für die historischen Wurzeln des christlichen Glaubens interessieren. Es eignet sich für Gemeinden, die ein reiches, traditionelles Liedgut pflegen. Auch für Jugendliche und Erwachsene, die nach einem kraftvollen, ehrlichen und nicht verklärenden Glaubensausdruck suchen, kann dieses Lied sehr ansprechend sein. Wer sich in der Adventszeit nach mehr Substanz als nur vorfreudiger Heiterkeit sehnt, wird hier fündig.
Für wen eignet sich das Lied weniger?
Für rein familiäre, auf Kinder ausgerichtete Feiern am Heiligen Abend ist der Text mit seinen dräuenden Bildern vom Teufel und dem Jüngsten Gericht wahrscheinlich zu schwer und erklärungsbedürftig. Auch wer ausschließlich nach unbeschwert-fröhlichen, leicht eingängigen Weihnachtsklängen sucht, könnte von der ernsten Melodie und der komplexen Botschaft überfordert sein. Es ist kein Lied für den schnellen, stimmungsvollen Chorgesang unterm Baum, sondern eines für die reflexive und andächtige Gemeinschaft.
Abschließende Empfehlung
Wähle dieses Lied genau dann, wenn du der Adventszeit ihre ursprüngliche Spannung und dramaturgische Tiefe zurückgeben möchtest. Der perfekte Moment ist ein dunkler Dezemberabend im Kreis von Menschen, die bereit sind, über die reine Krippenromantik hinauszudenken. Singe es, wenn du das Warten auf Weihnachten nicht nur als Countdown, sondern als Symbol für die menschliche Sehnsucht nach endgültiger Erlösung begreifen willst. Es ist das ideale Lied, um innezuhalten und sich bewusst zu machen: Weihnachten ist der erste Akt eines großen Erlösungsdramas, dessen frohes Finale noch aussteht. Hier findest du den authentischen, unverfälschten Text, der dir diese Erfahrung ermöglicht.
Mehr Adventslieder
- Christkindelein -
- Dein König kommt in niedern Hüllen - Friedrich Rückert
- Der Christbaum ist der schönste Baum - Johannes Karl
- Der Weihnachtsbaum - Hoffmann von Fallersleben
- Wachet auf, ruft uns die Stimme - Philipp Nicolai
- Maria durch ein Dornwald ging -
- Macht hoch die Tür', die Tor' macht weit - Georg Weißel
- Nun jauchzet, all ihr Frommen - Michael Schirmer
- Nun komm, der Heiden Heiland - Martin Luther
- O Heiland, reiß die Himmel auf - Friedrich Spee
- Fröhlich soll mein Herze springen - Paul Gerhardt
- Tochter Zion - Friedrich Heinrich Ranke
- Wie soll ich dich empfangen - Paul Gerhardt
- Gott sei Dank durch alle Welt - Heinrich Held
- Es kommt ein Schiff, geladen - Daniel Sudermann
- Gott, heilger Schöpfer aller Stern - Thomas Müntzer
- Mit Ernst, o Menschenkinder - Valentin Thilo
- Geboren ist Christus, der Retter der Welt - Louis Lewandoeski