Nun jauchzet, all ihr Frommen
Kategorie: Adventslieder
Nun jauchzet, all ihr Frommen,
Autor: Michael Schirmer
zu dieser Gnadenzeit,
weil unser Heil ist kommen,
der Herr der Herrlichkeit,
zwar ohne stolze Pracht,
doch mächtig, zu verheeren
und gänzlich zu zerstören
des Teufels Reich und Macht.
Er kommt zu uns geritten
auf einem Eselein
und stellt sich in die Mitten
für uns zum Opfer ein.
Er bringt kein zeitlich Gut,
er will allein erwerben
durch seinen Tod und Sterben,
was ewig währen tut.
Kein Zepter, keine Krone
sucht er auf dieser Welt;
im hohen Himmelsthrone
ist ihm sein Reich bestellt.
Er will hier seine Macht
und Majestät verhüllen,
bis er des Vaters Willen
im Leiden hat vollbracht.
Ihr Mächtigen auf Erden,
nehmt diesen König an,
wollt ihr beraten werden
und gehn die rechte Bahn,
die zu dem Himmel führt;
sonst, wo ihr ihn verachtet
und nur nach Hoheit trachtet,
des Höchsten Zorn euch rührt.
Ihr Armen und Elenden
zu dieser bösen Zeit,
die ihr an allen Enden
müßt haben Angst und Leid,
seid den noch wohlgemut;
laßt eure Lieder klingen,
dem König Lob zu singen,
der ist eur höchstes Gut.
Er wird nun bald erscheinen
in seiner Herrlichkeit
und all eur Klag und Weinen
verwandeln ganz in Freud.
Er ists, der helfen kann;
halt' eure Lampen fertig
und seid stets sein gewärtig,
er ist schon auf der Bahn.
- Kurze einleitende Zusammenfassung
- Historie & Entstehungsgeschichte
- Biografischer Kontext
- Inhaltliche Deutung & Botschaft
- Kulturelle und historische Bedeutung
- Welche Stimmung erzeugt das Lied?
- Für welche Anlässe eignet sich das Lied?
- Für wen eignet sich das Lied?
- Für wen eignet sich das Lied weniger?
- Abschließende Empfehlung
Kurze einleitende Zusammenfassung
"Nun jauchzet, all ihr Frommen" ist ein kraftvoller und theologisch tiefgründiger Weihnachtsklassiker, der weit über die übliche Krippenidylle hinausgeht. Was dieses Lied so unverwechselbar macht, ist seine ungewöhnliche Perspektive: Es feiert die Geburt Christi nicht als beschauliches Kindheitsidyll, sondern als den Beginn eines machtvollen Feldzugs gegen das Böse. Der Text kombiniert die Demut des Einzugs auf einem Esel mit der zukünftigen Herrlichkeit des Königs, der kommt, um das Reich des Teufels zu zerstören. Diese Spannung zwischen Verborgenheit und Macht, zwischen Leiden und Triumph verleiht dem Lied eine einzigartige Dramatik.
Historie & Entstehungsgeschichte
Der Text stammt aus der Feder des deutschen Dichters und Theologen Michael Schirmer und wurde im Jahr 1640 veröffentlicht. Es erschien zunächst unter dem Titel "Weihnachts-Lied" in Johann Crügers bedeutendem Gesangbuch "Praxis Pietatis Melica". Die heute geläufige, eindringliche Melodie komponierte ebenfalls Johann Crüger speziell für diesen Text. Entstanden ist das Werk also inmitten des Dreißigjährigen Krieges, einer Zeit unvorstellbaren Leids, Angst und Verwüstung in Deutschland. Dieses historische Umfeld prägt den Text tief: Das Lied ist ein Trost- und Durchhaltepsalm für eine gepeinigte Generation, die nach Hoffnung und echter Rettung suchte.
Biografischer Kontext
Michael Schirmer (1606-1673) war ein evangelischer Theologe, Dichter und langjähriger Lehrer am Berlinischen Gymnasium zum Grauen Kloster. Er gilt als einer der bedeutendsten geistlichen Lyriker des 17. Jahrhunderts. Sein Leben war von den Schrecken des Krieges überschattet; er erlebte persönlich die Belagerung und Plünderung Berlins. Diese Erfahrungen flossen direkt in seine Dichtung ein, die oft von einem starken Vertrauen auf Gottes Sieg und Trost in der Not geprägt ist. Die Zusammenarbeit mit Johann Crüger, dem wichtigsten Kirchenmusiker seiner Zeit, sicherte seinen Liedern eine weite Verbreitung und bleibende Popularität.
Inhaltliche Deutung & Botschaft
Die Kernbotschaft des Liedes ist die paradoxe Königsherrschaft Jesu Christi. Es stellt klar: Der wahre König kommt nicht mit militärischer "stolzer Pracht", sondern demütig auf einem Esel. Sein Ziel ist jedoch alles andere als friedfertig im weltlichen Sinn – er kommt, um die Macht des Bösen "gänzlich zu zerstören". Das Lied spannt einen Bogen von der Geburt in Bethlehem über das Opfer am Kreuz bis zur Wiederkunft in Herrlichkeit. Es richtet sich mit klaren Appellen an zwei Gruppen: die "Mächtigen auf Erden", die zur Umkehr aufgefordert werden, und die "Armen und Elenden", die zum Jubel und zur Hoffnung ermutigt werden. Letztlich ist Christus das "höchste Gut", das ewigen Wert besitzt.
Kulturelle und historische Bedeutung
In der deutschen Weihnachtskultur nimmt das Lied eine besondere Nische ein. Es ist kein allgegenwärtiges "Stern über Bethlehem", sondern ein Lied mit Tiefgang, das besonders in kirchlichen Kreisen, bei Konzerten und in theologisch interessierten Familien geschätzt wird. Seine Popularität verdankt es auch der kraftvollen Crüger-Melodie, die sich gut zum gemeinsamen Singen eignet. Internationale Übersetzungen oder Adaptionen sind weniger bekannt, was seinen Charakter als spezifisch deutsch-lutherisches Erbe unterstreicht. Es ist ein Lied, das die Weihnachtsbotschaft in ihrer ganzen theologischen Tiefe und Sprengkraft bewahrt.
Welche Stimmung erzeugt das Lied?
"Nun jauchzet, all ihr Frommen" erzeugt eine einzigartige, kraftvolle und triumphale Stimmung, die von ernster Freude und siegesgewisser Hoffnung geprägt ist. Es ist kein sanftes Wiegenlied, sondern ein Aufruf zum Jauchzen und Loben angesichts eines entscheidenden Sieges. Die Melodie mit ihren markanten Intervallen und der rhythmischen Festigkeit unterstützt diesen Charakter. Gleichzeitig schwingt in den Strophen, die das Leiden und die Verhüllung der Majestät thematisieren, eine Note der Andacht und des staunenden Nachdenkens mit. Insgesamt hinterlässt es ein Gefühl der Ermutigung und des gestärkten Glaubens.
Für welche Anlässe eignet sich das Lied?
Dieses Lied eignet sich hervorragend für Momente, in denen die Weihnachtsbotschaft in ihrer ganzen Tiefe und Kraft erklingen soll. Perfekt ist es für:
- Den Gottesdienst am 1. Weihnachtstag, wo die Freude über die Menschwerdung im Mittelpunkt steht.
- Adventsgottesdienste, besonders die späteren, die bereits auf die Wiederkunft Christi blicken.
- Weihnachtskonzerte oder Kantatengottesdienste, wo sein dramatischer Text gut zur Geltung kommt.
- Hausandachten in der Familie, um über die Bedeutung von Weihnachten jenseits des Kommerzes ins Gespräch zu kommen.
- Den Übergang vom Heiligen Abend zum Weihnachtsfest, als bewusste Vertiefung der Feier.
Für wen eignet sich das Lied?
Das Lied spricht in besonderer Weise theologisch interessierte Erwachsene und Jugendliche an, die nach einer substanziellen Auseinandersetzung mit dem Weihnachtsfest suchen. Es eignet sich für Gemeinden, die eine traditionelle und textstarke Liedkultur pflegen. Auch Menschen, die sich in einer schwierigen Lebensphase befinden und echte, trotzige Hoffnung brauchen, können in den Zeilen "Ihr Armen und Elenden ... seid dennoch wohlgemut" großen Trost finden. Chöre schätzen das Lied für seine ausdrucksstarke und dankbare Melodieführung.
Für wen eignet sich das Lied weniger?
Für reine Kinder- oder Familiengottesdienste mit dem Schwerpunkt auf leichten, eingängigen Liedern ist der Text aufgrund seiner komplexen theologischen Sprache und der düsteren Bilder wie "des Teufels Reich" oder "des Höchsten Zorn" weniger geeignet. Auch in sehr locker-spontanen Feiern oder im Hintergrund als reine Stimmungsmusik könnte das Lied mit seiner ernsten und fordernden Botschaft fehl am Platz wirken. Wer ein rein besinnliches, romantisch-idyllisches Weihnachtsgefühl sucht, wird hier nicht vollständig fündig.
Abschließende Empfehlung
Wähle "Nun jauchzet, all ihr Frommen" genau dann, wenn du der Weihnachtsfeier bewusst Tiefgang und geistliche Kraft verleihen möchtest. Der perfekte Moment ist, wenn die erste Bescherungsfreude verklungen ist und Raum für die große Frage bleibt: "Wozu ist das eigentlich alles geschehen?" Singe dieses Lied, wenn du dich und andere daran erinnern willst, dass Weihnachten der Beginn der entscheidenden Schlacht gegen alles Dunkle ist und dass der unscheinbare Säugling in der Krippe der König aller Könige ist. Es ist das Lied für denjenigen, der mehr sucht als nur "Stille Nacht" – nämlich einen Grund zum siegesgewissen Jauchzen.
Mehr Adventslieder
- Christkindelein -
- Dein König kommt in niedern Hüllen - Friedrich Rückert
- Der Christbaum ist der schönste Baum - Johannes Karl
- Der Weihnachtsbaum - Hoffmann von Fallersleben
- Wachet auf, ruft uns die Stimme - Philipp Nicolai
- Ihr lieben Christen, freut euch nun - Erasmus Alberus
- Maria durch ein Dornwald ging -
- Macht hoch die Tür', die Tor' macht weit - Georg Weißel
- Nun komm, der Heiden Heiland - Martin Luther
- O Heiland, reiß die Himmel auf - Friedrich Spee
- Fröhlich soll mein Herze springen - Paul Gerhardt
- Tochter Zion - Friedrich Heinrich Ranke
- Wie soll ich dich empfangen - Paul Gerhardt
- Gott sei Dank durch alle Welt - Heinrich Held
- Es kommt ein Schiff, geladen - Daniel Sudermann
- Gott, heilger Schöpfer aller Stern - Thomas Müntzer
- Mit Ernst, o Menschenkinder - Valentin Thilo
- Geboren ist Christus, der Retter der Welt - Louis Lewandoeski