Gefroren hat es heuer noch gar kein festes Eis
Kategorie: Winterlieder
Gefroren hat es heuer
Autor: Friedrich Wilhelm Güll
noch gar kein festes Eis
Das Büblein steht am Weiher
und spricht zu sich ganz leis:
"Ich will es einmal wagen
das Eis, es muss doch tragen
Wer weiß?"
Das Büblein stapft und hacket
mit seinem Stiefelein
Das Eis auf einmal knacket
und krach! schon bricht's hinein.
Das Büblein platscht und krabbelt
als wie ein Krebs und zappelt
mit Arm und Bein
"O helft, ich muss versinken
in lauter Eis und Schnee
O helft, ich muss ertrinken
im tiefen, tiefen See"
Wär nicht ein Mann gekommen -
der sich ein Herz genommen
o weh!
Der packt es bei dem Schopfe
und zieht es dann heraus
vom Fuße bis zum Kopfe
wie eine Wassermaus
Das Büblein hat getropfet,
der Vater hat's geklopfet
zu Haus
- Kurze einleitende Zusammenfassung
- Historie & Entstehungsgeschichte
- Biografischer Kontext
- Inhaltliche Deutung & Botschaft
- Kulturelle und historische Bedeutung
- Welche Stimmung erzeugt das Lied?
- Für welche Anlässe eignet sich das Lied?
- Für welche Altersgruppe eignet sich das Lied?
- Für wen eignet sich das Lied weniger?
- Abschließende Empfehlung
Kurze einleitende Zusammenfassung
Das Weihnachtslied "Gefroren hat es heuer noch gar kein festes Eis" ist ein besonderer Schatz aus dem 19. Jahrhundert, der sich deutlich von der typischen besinnlichen Weihnachtsmusik abhebt. Es ist kein klassisches Lied über das Christkind oder den Heiligen Abend, sondern eine kleine, dramatische Erzählung in Reimen. Sein unverwechselbarer Charakter liegt in dieser märchenhaften und leicht schaurigen Geschichte über ein unvorsichtiges Kind auf dünnem Eis, die mit einer moralischen Lehre endet. Es ist weniger ein Lied zum lauten Mitsingen, sondern vielmehr eine musikalisch vorgetragene Ballade, die ihre Zuhörer in ihren Bann zieht.
Historie & Entstehungsgeschichte
Der Text des Liedes stammt von dem deutschen Dichter und Pädagogen Friedrich Wilhelm Güll. Er verfasste es im Jahr 1836 für seine berühmte Sammlung "Kinderheimath in Liedern und Bildern", die er gemeinsam mit dem Illustrator Ludwig Richter herausgab. Güll schrieb diese Gedichte speziell für Kinder, mit dem Ziel, unterhaltsame und zugleich lehrreiche Geschichten zu erzählen. Die heute bekannte, volksliedhafte Melodie wurde dem Text später zugeordnet. Sie ist anonym überliefert und entstand vermutlich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als man begann, Gülls beliebte Kindergedichte zu vertonen und sie so zu echten Singliedern werden zu lassen.
Biografischer Kontext
Friedrich Wilhelm Güll (1812–1879) war ein bedeutender Vertreter der Kinder- und Jugendliteratur im Biedermeier. Anders als viele seiner Zeitgenossen, die oft moralisierend und belehrend schrieben, strebte Güll nach einer natürlichen, dem kindlichen Gemüt entsprechenden Darstellung. Seine Gedichte zeichnen sich durch ihre einfache, bildhafte Sprache und ihren erzählerischen Rhythmus aus. Seine Zusammenarbeit mit dem berühmten Maler Ludwig Richter machte das Buch "Kinderheimath" zu einem großen Erfolg und prägte das Bild der idealen, heimeligen Kinderwelt im 19. Jahrhundert nachhaltig. Gülls Werk steht damit an der Schwelle vom pädagogischen Zeigefinger zur kindgerechten Unterhaltung.
Inhaltliche Deutung & Botschaft
Die Kernbotschaft des Liedes ist eine zeitlose Warnung vor Leichtsinn und Ungeduld. Das "Büblein" handelt gegen besseres Wissen ("das Eis, es muss doch tragen") und bringt sich dadurch in lebensgefährliche Not. Die Rettung durch einen beherzten Mann – oft als der Vater interpretiert – unterstreicht die Bedeutung von Hilfsbereitschaft und Verantwortung. Letztlich endet die Geschichte aber nicht nur mit der Rettung, sondern auch mit einer spürbaren Konsequenz: "der Vater hat's geklopfet zu Haus". Die Botschaft ist also doppelt: Sie warnt Kinder vor unüberlegten Abenteuern und erinnert gleichzeitig an die schützende, aber auch konsequente Rolle der Eltern.
Kulturelle und historische Bedeutung
In der deutschen Weihnachtskultur nimmt dieses Lied eine Nischenposition ein. Es gehört zu jenen Winter- und Weihnachtsliedern, die nicht das Fest selbst, sondern die Jahreszeit und ihre Gefahren thematisieren, ähnlich wie "Winter ade" oder "Schneeflöckchen, Weißröckchen". Es war vor allem im 19. und frühen 20. Jahrhundert in Familien, Kindergärten und Schulen verbreitet. Internationale Übersetzungen oder Adaptionen sind nicht bekannt, was seinen Charakter als spezifisch deutschsprachiges Kulturgut unterstreicht. Heute wird es oft als kurioses und erzählerisches Lied wiederentdeckt, das Abwechslung in das traditionelle Weihnachtsrepertoire bringt.
Welche Stimmung erzeugt das Lied?
Das Lied erzeugt eine spannungsgeladene, fast filmische Stimmung. Es beginnt neugierig und geheimnisvoll ("und spricht zu sich ganz leis"), steigert sich dann durch onomatopoetische Worte wie "knacket" und "krach!" zu einem dramatischen Höhepunkt. Die verzweifelten Hilferufe des Kindes wecken Mitgefühl, bevor die Rettung eine Wende zur Erleichterung bringt. Der letzte Vers mit dem "Geklopfe" zu Hause sorgt für einen leicht schmunzelnden, aber auch nachdenklichen Abschluss. Insgesamt ist es eine emotionale Achterbahnfahrt, die den Zuhörer packt und nicht mehr loslässt.
Für welche Anlässe eignet sich das Lied?
Perfekt eignet sich das Lied für gemütliche Erzähl- und Singstunden in der Adventszeit, besonders an einem kalten Wintertag, an dem vielleicht sogar draußen Eis auf den Pfützen liegt. Es ist ein ideales Lied für den Familienkreis, wenn man nach dem gemeinsamen Singen der üblichen Klassiker noch eine kleine Geschichte erleben möchte. Auch in der Weihnachtsfeier im Kindergarten oder in den unteren Grundschulklassen kommt es gut an, da es zum aufmerksamen Zuhören und zum Gespräch über das richtige Verhalten im Winter anregt.
Für welche Altersgruppe eignet sich das Lied?
Primär spricht das Lied Kinder im Vorschul- und Grundschulalter (etwa 4 bis 10 Jahre) an. Die klare, bildhafte Sprache und die spannende Geschichte fesseln diese Altersgruppe. Die eingängige Melodie lädt zum Mitsingen der Refrainzeilen ein. Aber auch Erwachsene, die sich für historische Lieder, Volksdichtung oder einfach für eine ungewöhnliche Abwechslung im Weihnachtsprogramm interessieren, finden großen Gefallen an diesem kleinen erzählerischen Kunstwerk.
Für wen eignet sich das Lied weniger?
Weniger geeignet ist das Lied für Menschen, die ausschließlich nach besinnlicher, ruhiger und durchweg fröhlicher Weihnachtsmusik suchen. Die dramatische Schilderung des Einbruchs und des Beinahe-Ertrinkens kann für sehr junge oder besonders sensible Kinder beängstigend wirken. Ebenso ist es kein Lied für große, ausgelassene Feiern, bei denen alle laut mitsingen wollen, da es eher eine Zuhör- und Erzählsituation erfordert.
Abschließende Empfehlung
Wähle dieses Lied genau dann, wenn du deinen Weihnachtsabend oder deine Adventsfeier mit einer besonderen, erzählerischen Note bereichern möchtest. Der perfekte Moment ist, wenn die Kerzen brennen, es draußen dunkel und kalt ist und die Stimmung im Raum schon vertraut und geborgen ist. Dann entfaltet diese kleine dramatische Ballade ihre ganze Wirkung. Sie ist das musikalische Gegenstück zur vorgelesenen Weihnachtsgeschichte – eine Wintergeschichte, die unterhält, fesselt und ganz nebenbei eine wichtige Botschaft vermittelt. Es ist der Geheimtipp für alle, die die Weihnachtszeit auch als Zeit für gute Geschichten lieben.
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