Der kürzest Tag und längste Nacht den grauen Winter bringen
Kategorie: Winterlieder
Der kürzest Tag und längste Nacht
Autor: Andreas Schwilge
den grauen Winter bringen
die Nordenwinde sich mit Macht
aus ihren Kammern dringen.
Die Ström und See vor Frost und Schnee
sich schließen aller Dingen
Der grüne Wald ist worden kahl,
Das bunte Feld entkleidet;
Kein zahm noch wildes Tier zumal
An seiner Stell sich weidet;
Das Federheer singt auch nicht mehr,
Ein Teil von uns wegscheidet.
Das einsam Turturtäubelein
Nur seufzend wird gehöret;
Die Rabenstimm ist jetzt gemein
Und uns das Ghör versehret;
Melancholey wohnt allem bey
Und alle Freud zerstöret.
- Kurze einleitende Zusammenfassung
- Historie & Entstehungsgeschichte
- Biografischer Kontext
- Inhaltliche Deutung & Botschaft
- Kulturelle und historische Bedeutung
- Welche Stimmung erzeugt das Lied?
- Für welche Anlässe eignet sich das Lied?
- Für welche Altersgruppe eignet sich das Lied?
- Für wen eignet sich das Lied weniger?
- Abschließende Empfehlung
Kurze einleitende Zusammenfassung
Dieses Lied ist ein faszinierender und eher unbekannter Schatz aus dem Fundus deutscher Weihnachtslyrik. Es ist kein lauter Festgesang, sondern ein stiller, poetischer und fast philosophischer Blick auf den Winter. Was es unverwechselbar macht, ist seine ungewöhnliche Perspektive: Es beschreibt nicht direkt die Geburt Christi oder festliche Vorfreude, sondern malt ein eindringliches Bild von der tiefsten Dunkelheit und Kargheit des Winters, die den notwendigen Hintergrund für das kommende Licht bildet. Es ist ein Lied der Kontemplation, das die Stille vor dem Fest einfängt.
Historie & Entstehungsgeschichte
Der Text stammt von Andreas Schwilge, einem heute weitgehend vergessenen Dichter des 17. Jahrhunderts. Das Lied erschien erstmals 1659 in dem bedeutenden Gesangbuch "Geistliche Psalmen und Lieder" von Johann Crüger, dem damaligen Kantor an der Berliner Nikolaikirche. Crüger vertonte auch viele andere bekannte Kirchenlieder. Für dieses Gedicht Schwilges verwendete er eine bereits existierende, volkstümliche Melodie. Das Lied entstand also in der Zeit des Barock, geprägt vom Dreißigjährigen Krieg, was seine düstere, auf die Vergänglichkeit bezogene Grundstimmung mit erklären könnte. Es war als geistliches Lied für die Adventszeit gedacht, das die metaphorische "Winterzeit der Seele" vor der Ankunft des Erlösers besingt.
Biografischer Kontext
Über den Textdichter Andreas Schwilge (auch Schwilge oder Schwilgue) ist historisch sehr wenig überliefert. Er wirkte als Pfarrer in Crossen an der Oder (heute Krosno Odrzańskie in Polen). Seine literarische Bedeutung liegt vor allem in seiner Mitarbeit an dem erwähnten Crügerschen Gesangbuch, einer der einflussreichsten Sammlungen evangelischer Kirchenmusik im 17. Jahrhundert. Der Komponist der Melodie, Johann Crüger (1598-1662), ist eine zentrale Figur der protestantischen Kirchenmusik. Als langjähriger Kantor in Berlin und produktiver Komponist schuf er die Melodien zu unzähligen Chorälen, darunter ewige Klassiker wie "Nun danket alle Gott" oder "Jesu, meine Freude". Seine Zusammenarbeit mit dem großen Dichter Paul Gerhardt war besonders fruchtbar. Crügers einfache, eingängige und doch ausdrucksstarke Melodien prägten die evangelische Gesangskultur nachhaltig.
Inhaltliche Deutung & Botschaft
Die Kernbotschaft des Liedes ist die Darstellung der Welt in ihrem Zustand der Dunkelheit und des Todes, bevor das christliche Heil erscheint. Jede Strophe beschreibt einen Aspekt dieses Stillstands: Der kürzeste Tag, der gefrorene Fluss, der kahle Wald, die verstummten Vögel, die trauernde Turteltaube. Die "Melancholey", die im letzten Vers alles bewohnt, ist hier nicht nur eine Stimmung, sondern fast ein personifizierter Geist der Zeit. Das Lied stellt die Frage: Was wäre, wenn dieser Winter das Ende wäre? Seine tiefe Botschaft liegt in der unausgesprochenen Hoffnung. Indem es die Hoffnungslosigkeit so plastisch beschreibt, schafft es erst die sehnsüchtige Erwartung auf das kommende Licht der Weihnacht. Es ist ein Lied über das Warten und die Vorbereitung des Herzens in einer scheinbar gottverlassenen Zeit.
Kulturelle und historische Bedeutung
In der breiten Weihnachtskultur spielt dieses Lied heute kaum eine Rolle. Es wurde von den populäreren, freudigeren Weihnachtsliedern verdrängt. Seine Bedeutung liegt im historisch-literarischen Bereich als Beispiel für die adventliche Buß- und Fastenstimmung im Luthertum des 17. Jahrhunderts. Es zeigt eine theologische Tiefe, die in vielen späteren Liedern verloren ging. Internationale Übersetzungen oder Adaptionen sind nicht bekannt, was es zu einem einzigartigen deutschsprachigen Zeugnis macht. Für Kenner alter Kirchenlieder und Chormusik ist es jedoch ein wertvolles Stück, das gelegentlich in Adventskonzerten mit historischem Programm oder in akademischen Kreisen wiederentdeckt wird.
Welche Stimmung erzeugt das Lied?
Das Lied erzeugt eine sehr kontemplative, nachdenkliche und leicht düstere Stimmung. Es ist keine heimelige Winteridylle, sondern eine ernste, fast naturmagische Betrachtung der kalten Jahreszeit. Die Bilder von der erstarrten Natur, den stürmischen Winden und dem verstummten "Federheer" wecken ein Gefühl der Einsamkeit und der erwartungsvollen Stille. Die Melancholie, die explizit genannt wird, durchzieht den gesamten Text. Die passende, schlichte Melodie unterstreicht diese Stimmung und lädt nicht zum lauten Singen, sondern zum stillen Hören oder leisen Mitsummen ein. Es ist die Stimmung eines langen Dezemberabends, an dem man aus dem Fenster in die Dunkelheit schaut.
Für welche Anlässe eignet sich das Lied besonders?
Es eignet sich perfekt für die stillen Momente im frühen Advent, besonders um den Nikolaustag herum oder in der Zeit um die Wintersonnenwende. Es ist ideal für:
- Besinnliche Adventsandachten oder Gottesdienste in der dunklen Jahreszeit.
- Historische Advents- oder Weihnachtskonzerte mit Fokus auf Barockmusik.
- Das private Singen im kleinen Kreis bei Kerzenschein, als Gegenpol zum hektischen Weihnachtstrubel.
- Als literarisches oder musikalisches Beispiel in Schulen oder Gruppen, die sich mit der Geschichte des Weihnachtsfestes und seiner Lieder befassen.
Für welche Altersgruppe eignet sich das Lied?
Das Lied spricht in erster Linie erwachsene Hörer und Sänger an, die eine gewisse Reife und Lebenserfahrung mitbringen, um die metaphorische Tiefe der Texte zu schätzen. Jugendliche und ältere Schüler, die sich für Poesie, Geschichte oder alte Musik interessieren, können ebenfalls einen besonderen Zugang finden. Es ist kein Lied für kleine Kinder, da seine Bilder und seine Stimmung für sie wahrscheinlich zu abstrakt und nicht fröhlich genug sind.
Für wen eignet sich das Lied weniger?
Es eignet sich weniger für Menschen, die in der Weihnachtszeit ausschließlich auf unbeschwerte Fröhlichkeit und eingängige Ohrwürmer aus sind. Wer ein festliches Familien-Singalong plant oder eine Party mit Weihnachtsliedern, sollte zu anderen Klassikern greifen. Auch für sehr junge Kinder ist die düstere Bildwelt und die altertümliche Sprache nicht geeignet. Es ist kein "Mitgröl"-Lied, sondern ein Lied für Momente der Einkehr.
Abschließende Empfehlung
Wähle dieses Lied genau dann, wenn du eine Pause von der glitzernden Weihnachtswelt brauchst und eine authentischere, tiefgründigere Stimmung suchst. Der perfekte Moment ist ein kalter, klarer Abend in der Adventszeit, vielleicht nach einem langen Spaziergang. Wenn die Lichterketten ausgeschaltet sind und nur noch eine Kerze brennt, dann entfaltet dieser Text seine ganze Kraft. Singe oder höre es, um dich daran zu erinnern, dass Weihnachten nicht nur ein Fest des Überflusses ist, sondern auch ein Fest der Hoffnung, die gerade dort am hellsten leuchtet, wo es vorher am dunkelsten war. Es ist das Lied für die Stille vor dem großen Fest.
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