A solis ortus cardine (Vom Angelpunkt des Sonnenaufgangs)
Kategorie: Lateinische Weihnachtslieder
A solis ortus cardine
Autor: Caelius Sedulius
adusque terrae limitem
Christum canamus principem
natum Maria virgine.
Beatus auctor saeculi
servile corpus induit,
ut carne carnem liberans
non perderet, quod condidit.
Clausae parentis viscera
caelestis intrat gratia,
venter puellae baiulat
secreta quae non noverat.
Domus pudici pectoris
templum repente fit Dei,
intacta nesciens virum
verbo creavit filium.
Enixa est puerpera
quem Gabriel praedixerat,
quem matris alvo gestiens
clausus Iohannes senserat.
Feno iacere pertulit,
praesepe non abhorruit,
parvoque lacte pastus est,
per quem nec ales esurit.
Gaudet chorus caelestium,
et angeli canunt Deum
palamque fit pastoribus
pastor creator omnium.
Hostis Herodes impie,
Christum venire quid times?
Non eripit mortalia,
qui regna dat caelestia.
Ibant magi, qua venerant
stellam sequentes praeviam,
lumen requirunt lumine,
Deum fatentur munere.
Katerva matrum personat
conlisa deflens pignora,
quorum tyrannus milia
Christo sacravit victimam.
Lavacra puri gurgitis
caelestis agnus attigit,
peccata quae non detulit
nos abluendo sustulit.
Miraculis dedit fidem
habere se Deum patrem,
infirma sanans corpora
et suscitans cadavera.
Novum genus potentiae:
aquae rubescunt hydriae
vinumque iussa fundere
mutavit unda originem.
Orat salutem servulo
flexus genu centurio,
credentis ardor plurimus
extinxit ignes febrium.
Petrus per undas ambulat
Christi levatus dextera:
natura quam negaverat
fides paravit semitam.
Quarta die iam fetidus
vitam recepit Lazarus
mortisque liber vinculis
factus superstes est sibi.
Rivos cruoris torridi
contacta vestis obstruit,
fletu rigante supplicis
arent fluenta sanguinis.
Solutus omni corpore
iussus repente surgere,
suis vicissim gressibus
aeger vehebat lectulum.
Tunc ille Iudas carnifex
ausus magistrum tradere,
pacem ferebat osculo,
quam non habebat pectore.
Verax datur fallacibus,
pium flagellat impius,
crucique fixus innocens
coniunctus est latronibus.
Xeromyrram post sabbatum
quaedam vehebant compares,
quas adlocutus angelus
vivum sepulcro non tegi.
Ymnis, venite, dulcibus
omnes canamus subditum
Christi triumpho tartarum,
qui nos redemit venditus.
Zelum draconis invidi
et os leonis pessimi
calcavit unicus Dei
seseque caelis reddidit.
- Kurze einleitende Zusammenfassung
- Historie & Entstehungsgeschichte
- Biografischer Kontext
- Inhaltliche Deutung & Botschaft
- Kulturelle und historische Bedeutung
- Welche Stimmung erzeugt das Lied?
- Für welche Anlässe eignet sich das Lied?
- Für wen eignet sich das Lied?
- Für wen eignet sich das Lied weniger?
- Abschließende Empfehlung
Kurze einleitende Zusammenfassung
"A solis ortus cardine" ist ein monumentaler Klassiker der lateinischen Hymnendichtung und zählt zu den ältesten und theologisch dichtesten Weihnachtsliedern überhaupt. Seine Unverwechselbarkeit liegt in der genialen akrostichischen Form: die Anfangsbuchstaben der 23 Strophen bilden das komplette Alphabet von A bis Z (wobei I/J und U/V zusammengefasst sind). Dieses kunstvolle Gedicht fasst nicht nur die Geburt Christi, sondern sein ganzes irdisches Wirken bis zur Auferstehung in einer kraftvollen, poetischen Tour de Force zusammen.
Historie & Entstehungsgeschichte
Der Text entstand im 5. Jahrhundert nach Christus, verfasst vom gelehrten Dichter Caelius Sedulius. Die genauen Umstände der Entstehung sind nicht überliefert, doch der historische Kontext ist bedeutsam: Es war eine Zeit theologischer Verfeinerung nach den großen Konzilien, in der die Natur Christi intensiv diskutiert wurde. Sedulius schuf mit diesem Hymnus ein poetisches Glaubensbekenntnis. Die heute bekannteste gregorianische Melodie, ein feierlicher und ruhiger Choral, entwickelte sich im mittelalterlichen Gesangsrepertoire der Kirche. Eine besonders berühmte Vertonung stammt von Michael Praetorius aus dem frühen 17. Jahrhundert.
Biografischer Kontext
Caelius Sedulius war ein spätantiker christlicher Dichter, der vermutlich im 5. Jahrhundert in Rom oder Italien lebte. Er wird oft als "christlicher Vergil" bezeichnet, da er seine klassische Bildung in den Dienst der Verkündigung stellte. Sein Hauptwerk, das "Carmen paschale" (Ostergedicht), zu dem auch "A solis ortus cardine" gehört, war im Mittelalter außerordentlich populär und prägte die kirchliche Lyrik nachhaltig. Sedulius gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der frühchristlichen lateinischen Dichtung, dessen Werke in vielen mittelalterlichen Handschriften überliefert sind.
Inhaltliche Deutung & Botschaft
Die Kernbotschaft des Liedes ist die Fleischwerdung Gottes in Jesus Christus als zentrales Heilsereignis. Es beginnt mit der wunderbaren Geburt aus der Jungfrau Maria und spannt dann den Bogen über das gesamte Evangelium: die Anbetung der Hirten und Weisen, die Taufe im Jordan, die Wunder, die Passion mit Verrat und Kreuzigung, bis hin zur Auferstehung. Jede Strophe unterstreicht einen Aspekt der göttlichen und menschlichen Natur Jesu. Es ist weniger ein besinnliches Krippenlied als vielmehr ein komprimiertes theologisches Lehrgedicht in hymnischer Form, das die Weihnacht als Startpunkt der Erlösung feiert.
Kulturelle und historische Bedeutung
In der internationalen, insbesondere der katholischen und anglikanischen Liturgie, hat das Lied einen festen Platz. Es ist traditionell der Hymnus für die Laudes am Weihnachtsmorgen. Seine kulturelle Strahlkraft ist enorm: Martin Luther schuf mit "Christum wir sollen loben schon" eine berühmte und bis heute gesungene deutsche Nachdichtung. Im englischen Sprachraum ist die Übersetzung "From lands that see the sun arise" verbreitet. Die alphabetische Struktur machte das Lied zudem zu einem beliebten Werkzeug für den Lateinunterricht und zum Auswendiglernen der Heilsgeschichte.
Welche Stimmung erzeugt das Lied?
Das Lied erzeugt eine Stimmung von ehrfürchtigem Staunen und feierlicher, gelehrter Freude. Es ist nicht unbeschwert oder volkstümlich, sondern trägt die Würde und Tiefe jahrhundertealter Glaubensüberzeugung in sich. Die lateinische Sprache und die klassische Choralmelodie verleihen ihm eine zeitlose, kontemplative Qualität. Es ist ein Lied zum aufmerksamen Hören und Nachdenken, das Ehrfurcht vor dem Geheimnis der Inkarnation weckt und den Hörer in eine lange Tradition des christlichen Lobgesangs stellt.
Für welche Anlässe eignet sich das Lied?
Es eignet sich perfekt für feierliche Gottesdienste am Weihnachtstag selbst, besonders für die Christmette oder das Amt am Morgen. Aufgrund seines umfassenden Inhalts passt es auch hervorragend in konzertante Advents- oder Weihnachtskonzerte mit historischem Schwerpunkt. Für private Momente ist es die ideale Wahl, wenn du eine tiefgründige, ruhige und reflektierende Atmosphäre in der Weihnachtszeit schaffen möchtest, abseits des kommerziellen Trubels. Es ist ein Lied für den Übergang von der stillen Erwartung zum großen Fest.
Für wen eignet sich das Lied?
Das Lied spricht in erster Linie erwachsene Hörer und Sänger an, die einen theologischen oder historischen Zugang schätzen. Es ist ideal für Chöre, besonders für Ensembles mit Erfahrung in geistlicher oder alter Musik. Lateinkundige oder an Sprache Interessierte werden die poetische Struktur besonders zu schätzen wissen. Ebenso eignet es sich für Menschen, die in der Weihnachtszeit Stille und geistige Tiefe suchen und bereit sind, sich auf einen komplexeren Text einzulassen.
Für wen eignet sich das Lied weniger?
Für kleine Kinder oder für gesellige Runden, in denen gemeinsam aus vollem Herzen gesungen werden soll, ist der lateinische Originaltext aufgrund seiner sprachlichen Hürden weniger geeignet. Auch wenn du nach einem einfachen, eingängigen und emotional unmittelbar zugänglichen Weihnachtslied suchst, wirst du mit "Stille Nacht" oder "O du fröhliche" besser bedient sein. Es ist kein Lied für den spontanen Gesang unterm Christbaum, sondern fordert eine gewisse konzentrative Hingabe.
Abschließende Empfehlung
Wähle dieses Lied genau dann, wenn du die Weihnachtsbotschaft in ihrer ganzen theologischen Fülle und historischen Tiefe erleben möchtest. Der perfekte Moment ist der frühe Weihnachtsmorgen, vielleicht bei Kerzenschein, oder der Besuch eines festlichen Adventskonzertes in einer Kirche. Lass dich von der kraftvollen Sprache und der majestätischen Melodie tragen und spüre die Verbindung zu fast anderthalb Jahrtausenden christlicher Tradition. Hier erklingt nicht nur ein Lied, sondern ein Glaubensbekenntnis in poetischer Perfektion, das den Kern des Weihnachtswunders auf unvergleichliche Weise umkreist.
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