Ermuntre dich, mein schwacher Geist

Kategorie: Christliche Weihnachtslieder

Ermuntre dich, mein schwacher Geist,
und trage groß Verlangen,
ein kleines Kind, das Vater heißt,
mit Freuden zu empfangen.
Dies ist die Nacht, darin es kam
und menschlich Wesen an sich nahm,
dadurch die Welt mit Treuen
als seine Braut zu freien.

Willkommen, süßer Bräutigam,
du König aller Ehren,
willkommen, Jesus, Gottes Lamm,
ich will dein Lob vermehren,
ich will dir all mein Leben lang
von Herzen sagen Preis und Dank,
dass du, da wir verloren,
für uns bist Mensch geboren.

O Freudenzeit, o Wundernacht,
dergleichen hie gefunden,
du hast den Heiland hergebracht,
der alles überwunden,
du hast gebracht den starken Mann,
der Feur und Wolken zwingen kann,
vor dem die Himmel zittern
und alle Berg erschüttern.

Brich an, du schönes Morgenlicht,
und lass den Himmel tagen.
Du Hirtenvolk, erschrecke nicht,
weil dir die Engel sagen,
dass dieses schwache Knäbelein
soll unser Trost und Freude sein,
dazu den Satan zwingen
und letztlich Frieden bringen.

O liebes Kind, o süßer Knab,
holdselig von Gebärden,
mein Bruder, den ich lieber hab
als alle Schätz auf Erden;
komm, Schönster, in mein Herz hinein,
komm eilend, lass die Krippen sein,
komm, komm, ich will beizeiten
dein Lager dir bereiten.

Lob, Preis und Dank, Herr Jesus Christ,
sei dir von mir gesungen,
dass du mein Bruder worden bist
und hast die Welt bezwungen;
hilf, dass ich deine Gütigkeit
stets preis in dieser Gnadenzeit
und mög hernach dort oben
in Ewigkeit dich loben.

Autor: Johann Rist

Kurze einleitende Zusammenfassung

"Ermuntre dich, mein schwacher Geist" ist ein tiefgründiger Weihnachtsklassiker aus dem Barock, der weit über die übliche Krippenidylle hinausgeht. Was dieses Kirchenlied so unverwechselbar macht, ist seine einzigartige Verbindung von zarter Innenschau mit fast dramatischer Kraft. Es beginnt als persönliche Aufforderung an die eigene Seele und steigert sich zu einem gewaltigen Bild des neugeborenen Kindes als übermächtigen Bezwinger von Hölle und Tod. Diese Spannung zwischen dem schwachen Knäblein und dem starken Herrn der Welt verleiht dem Lied eine theologische Tiefe, die es aus der Masse der Weihnachtslieder hervorhebt.

Historie & Entstehungsgeschichte

Der Text stammt aus der Feder des norddeutschen Pastors und Dichters Johann Rist. Er veröffentlichte das Lied im Jahr 1641 in seiner Sammlung "Himmlische Lieder". Die Entstehung fällt somit in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges, eine Ära unvorstellbarer Not und Verzweiflung. Vor diesem Hintergrund gewinnt der tröstliche und siegesgewisse Ton des Liedes eine besondere Bedeutung. Die heute am weitesten verbreitete Melodie ist nicht die ursprüngliche. Sie stammt aus einem späteren, anonym überlieferten Satz und wurde erst im 19. Jahrhundert mit Rists Text verbunden, wo sie sich aufgrund ihrer eindringlichen Schönheit durchsetzte.

Biografischer Kontext

Johann Rist (1607–1667) war eine der prägenden literarischen Figuren des deutschen Barock. Als Pastor in Wedel bei Hamburg erlebte er die Schrecken des Krieges und der Pest unmittelbar. Neben seinem geistlichen Amt war er ein äußerst produktiver Dichter, der eine eigene Sprachgesellschaft gründete und von Kaiser Ferdinand III. sogar geadelt wurde. Seine Lieder zeichnen sich durch eine bildreiche, emotionale Sprache aus, die gelehrte Theologie mit persönlicher Frömmigkeit verbindet. Rist sah in der Dichtung ein Mittel, den Menschen in schwerer Zeit Trost und geistliche Orientierung zu geben – ein Anliegen, das "Ermuntre dich, mein schwacher Geist" auf mustergültige Weise verwirklicht.

Inhaltliche Deutung & Botschaft

Die Kernbotschaft des Liedes ist die paradoxe Einheit von Schwachheit und Allmacht in der Person Jesu Christi. Es beginnt mit der Aufforderung zur inneren Vorbereitung auf die Ankunft des "kleinen Kindes, das Vater heißt". Schnell entfaltet sich jedoch das volle Geheimnis der Weihnacht: Dieses Kind ist der "starke Mann", der "Feur und Wolken zwingen kann" und vor dem "alle Berg erschüttern". Die zentrale Metapher ist die der Brautmystik: Die Welt wird als Braut angesprochen, die von Christus, dem Bräutigam, freit. Dies verknüpft das Weihnachtsgeschehen unmittelbar mit der Erlösungstat und schenkt dem Gläubigen eine höchst persönliche Beziehung ("mein Bruder") zum göttlichen Kind.

Kulturelle und historische Bedeutung

In der deutschen Weihnachtskultur nimmt das Lied eine besondere Nische ein. Es ist kein volkstümliches Singlied, sondern ein geistliches Kunstlied, das vor allem in Gottesdiensten, bei Advents- und Weihnachtskonzerten sowie in der Hausandacht gepflegt wird. Seine Popularität erfuhr einen Aufschwung durch die Aufnahme in das evangelische Gesangbuch. Internationale Übersetzungen oder Adaptionen sind selten, was seinen Charakter als spezifisch deutschsprachiges, theologisch anspruchsvolles Lied unterstreicht. Seine Bedeutung liegt weniger in breiter Allgegenwart, sondern in der besonderen Tiefe, die es festlichen Anlässen verleiht.

Welche Stimmung erzeugt das Lied

"Ermuntre dich" erzeugt eine einzigartige, vielschichtige Stimmung. Es startet mit nachdenklicher, fast zaghafter Innigkeit ("mein schwacher Geist"), die sich in der dritten Strophe zu ehrfurchtsvollem Staunen und majestätischer Gewalt steigert. Die Strophen vier und fünf wechseln dann zu tröstlicher Zärtlichkeit und herzlicher Einladung. Die Melodie unterstützt diesen Verlauf: Sie ist getragen, aber nicht schwer, mit einer aufsteigenden, hoffnungsvollen Linie. Insgesamt hinterlässt das Lied ein Gefühl von getrösteter Stärke, von Freude, die sich der Bedrohung bewusst ist und sie dennoch überwindet.

Für welche Anlässe

Dieses Lied eignet sich hervorragend für Momente der Besinnung und Vertiefung in der Advents- und Weihnachtszeit. Perfekt ist es für:

  • Den Gottesdienst am Heiligen Abend oder am Christtag, besonders vor oder nach der Predigt.
  • Adventskonzerte mit geistlichem Schwerpunkt.
  • Die häusliche Adventsandacht am späten Abend, wenn Ruhe eingekehrt ist.
  • Den Übergang vom vierten Advent zum Weihnachtsfest, da es die sehnsüchtige Erwartung in freudige Ankunft überführt.

Für wen eignet sich das Lied

Das Lied spricht besonders Menschen an, die eine theologische Tiefe suchen und über die reine Weihnachtsidylle hinausdenken möchten. Es eignet sich für erwachsene Sänger und Hörer, die Freude an poetischer, bildreicher Sprache haben. Auch Jugendliche, die sich mit dem Glauben auseinandersetzen, können von der kraftvollen Symbolik und der persönlichen Ansprache ("komm in mein Herz hinein") angesprochen werden. Chöre und Kantoreien schätzen das Lied für seine musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten.

Für wen eignet es sich weniger

Weniger geeignet ist "Ermuntre dich" für sehr junge Kinder, da die komplexe Sprache und die theologischen Bilder schwer zugänglich sind. Auch für rein gesellige Weihnachtsfeiern, bei denen es vor allem um heitere und leicht verständliche Lieder geht, könnte der ernste und gedankenvolle Charakter zu schwer wirken. Wer ausschließlich nach einfachen, volkstümlichen Melodien sucht, die sofort mitsingbar sind, findet hier vielleicht eine zu anspruchsvolle Komposition.

Abschließende Empfehlung

Wähle dieses Lied genau dann, wenn du einen Moment der Stille und des Staunens im oft hektischen Weihnachtsfest kreieren möchtest. Der perfekte Augenblick ist die Zeit nach der Bescherung, wenn die äußere Unruhe verklungen ist, oder am frühen Morgen des Christfestes. Es ist das ideale Lied, um innezuhalten und sich der gewaltigen Botschaft hinter der süßen Krippenszene bewusst zu werden. Lass dich von seiner einladenden Aufforderung "Ermuntre dich" ansprechen und entdecke in diesem alten Text einen überraschend aktuellen und tröstlichen Begleiter für dein persönliches Weihnachtsfest. Hier findest du den vollständigen Text, um ihn in Ruhe nachzulesen oder in deine Feier einzubauen.

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