Dies ist die Nacht, da mir erschienen
Kategorie: Christliche Weihnachtslieder
Dies ist die Nacht, da mir erschienen
Autor: Kaspar Friedrich Nachtenhöfer
des großen Gottes Freundlichkeit;
das Kind dem alle Engel dienen,
bringt Licht in meine Dunkelheit;
und dieses Welt- und Himmelslicht
weicht hunderttausend Sonnen nicht.
Lass dich erleuchten, meine Seele,
versäume nicht den Gnadenschein;
der Glanz in dieser kleinen Höhle
streckt sich in alle Welt hinein;
er treibet weg der Höllen Macht,
der Sünden und des Kreuzes Nacht,
In diesem Lichte kannst du sehen
das Licht der klaren Seligkeit;
wenn Sonne, Mond und Stern vergehen,
vielleicht noch in gar kurzer Zeit,
wird dieses Licht mit seinem Schein
dein Himmel und dein Alles sein.
Lass nur indessen helle scheinen
dein Glaubens- und dein Liebeslicht;
mit Gott musst du es treulich meinen,
sonst hilft dir diese Sonne nicht;
willst du genießen diesen Schein,
so darfst du nicht mehr dunkel sein.
Drum, Jesu, schöne Weihnachtssonne,
bestrahle mich mit deiner Gunst;
dein Licht sei meine Weihnachtswonne
und lehre mich die Weihnachtskunst,
wie ich im Lichte wandeln soll
und sei des Weihnachtsglanzes voll.
- Kurze einleitende Zusammenfassung
- Historie & Entstehungsgeschichte
- Biografischer Kontext zum Textdichter
- Inhaltliche Deutung & Botschaft
- Kulturelle und historische Bedeutung
- Welche Stimmung erzeugt das Lied?
- Für welche Anlässe eignet sich das Lied?
- Für welche Altersgruppe eignet sich das Lied?
- Für wen eignet sich das Lied weniger?
- Abschließende Empfehlung
Kurze einleitende Zusammenfassung
Dieses Lied ist ein poetischer und theologisch tiefgründiger Schatz aus der Barockzeit, der weit über die Bekanntheit von "Stille Nacht" hinausgeht. Was es unverwechselbar macht, ist seine kraftvolle Bildsprache, die die Geburt Christi nicht als beschauliches Krippenidyll, sondern als kosmisches Lichtereignis feiert. Es stellt die persönliche Begegnung mit diesem "Welt- und Himmelslicht" in den Mittelpunkt und verbindet sie mit einem klaren Aufruf zur inneren Wandlung. Es ist weniger ein volkstümliches Singlied als vielmehr ein kunstvolles Glaubensgedicht, das zum Meditieren einlädt.
Historie & Entstehungsgeschichte
Der Text stammt von dem evangelischen Pfarrer und Liederdichter Kaspar Friedrich Nachtenhöfer. Er wurde erstmals im Jahr 1671 in seinem Gesangbuch "Kern des Deutschen Gebetbuchs" veröffentlicht, das in Jena erschien. Die heute geläufige, eindringliche Melodie ist nicht aus dieser Zeit. Sie wurde dem Text viel später zugeordnet und stammt aus dem 19. Jahrhundert. Es handelt sich um eine Choralweise von Johann Georg Christian Störl aus dem Jahr 1710, die ursprünglich zu einem anderen Text ("O Jesu, meine Wonne") komponiert wurde. Diese späte, aber glückliche Verbindung von Nachtenhöfers kraftvollem Barocktext mit Störls feierlicher und getragener Melodie prägt das Lied, wie wir es heute kennen.
Biografischer Kontext zum Textdichter
Kaspar Friedrich Nachtenhöfer (1624-1685) war ein evangelischer Theologe und einer der produktivsten geistlichen Liederdichter des deutschen Barock. Sein Leben war von den verheerenden Folgen des Dreißigjährigen Krieges geprägt, einer Zeit großer Dunkelheit und Not. Vor diesem Hintergrund ist sein Werk zu verstehen: Es ist ein Ringen um Trost, Gewissheit und die leuchtende Hoffnung des Glaubens. Über 200 Lieder hat er verfasst, von denen einige, wie "Dies ist die Nacht", Eingang in die evangelischen Gesangbücher fanden. Seine Texte zeichnen sich durch sprachliche Kraft, theologische Präzision und eine intensive, persönliche Frömmigkeit aus.
Inhaltliche Deutung & Botschaft
Die Kernbotschaft des Liedes ist die transformative Macht des göttlichen Lichts. Die Geburt Jesu wird als ein Ereignis beschrieben, das die persönliche Dunkelheit des Einzelnen ("meine Dunkelheit") und die Macht des Bösen ("der Höllen Macht") durchbricht. Dieses Licht ist kein sanftes Kerzenflackern, sondern ein überwältigendes "Welt- und Himmelslicht", das heller als "hunderttausend Sonnen" strahlt. Der Text fordert den Singenden direkt auf, sich von diesem Licht erleuchten zu lassen und selbst aktiv zu werden: Der Glaube muss als "Liebeslicht" im eigenen Leben hell scheinen. Es ist eine Botschaft der radikalen Erneuerung – wer das Weihnachtslicht genießen will, "darf nicht mehr dunkel sein".
Kulturelle und historische Bedeutung
In der breiten Weihnachtskultur ist es ein eher selten gesungenes, aber hoch geschätztes Lied unter Kennern und in theologisch interessierten Kreisen. Seine Hauptheimat ist der evangelische Gottesdienst, insbesondere die Christvesper und Christmette, wo seine gedankliche Tiefe zur Geltung kommt. Internationale Verbreitung oder Übersetzungen in andere Sprachen sind kaum bekannt, was seinen Charakter als spezifisch deutschen, protestantischen Barockchoral unterstreicht. In Gesangbüchern steht es oft neben anderen theologisch anspruchsvollen Weihnachtsliedern und bewahrt so eine besondere Tradition der Weihnachtsdichtung.
Welche Stimmung erzeugt das Lied?
Das Lied erzeugt eine feierliche, nachdenkliche und zugleich triumphale Stimmung. Es ist keine heimelige Stube, sondern die Weite des Universums, die hier beschworen wird. Die Musik ist getragen und ernst, der Text fordert zur inneren Einkehr und Selbstprüfung auf. Gleichzeitig liegt in den Versen über das alles überstrahlende Licht eine große Zuversicht und ein sieghafter Ton. Es ist die Stimmung der tiefen Gewissheit, dass die Ankunft Christi eine unwiderrufliche Wende in der Welt und im eigenen Herzen bedeutet.
Für welche Anlässe eignet sich das Lied?
Es eignet sich perfekt für Momente, in denen du über die tiefere Bedeutung von Weihnachten nachdenken möchtest. Ideal ist es für den Gottesdienst am Heiligen Abend, für Advents- und Weihnachtsandachten oder für Hauskreise. Auch im privaten Rahmen, etwa beim gemeinsamen Lesen und Singen mit der Familie am Weihnachtsbaum, wenn eine ruhige und besinnliche Phase gesucht wird, kann es sehr passend sein. Es ist ein Lied für die zweite Hälfte der Adventszeit, wenn die Erwartung sich dem Höhepunkt zuneigt.
Für welche Altersgruppe eignet sich das Lied?
Das Lied spricht in erster Linie Jugendliche und Erwachsene an, die Freude an sprachlich und inhaltlich anspruchsvollen Texten haben. Menschen, die sich für Theologie, Poesie oder Geschichte interessieren, werden besonders angesprochen. Auch in Gemeinden, die traditionelle Kirchenlieder pflegen, findet es bei allen Altersgruppen Anklang, die eine tiefgründigere Alternative zu den sehr geläufigen Weihnachtsliedern suchen.
Für wen eignet sich das Lied weniger?
Für reine Kinder- oder Familiengottesdienste, in denen es vor allem um einfache, fröhliche und leicht einprägsame Lieder geht, ist es weniger geeignet. Seine komplexe Sprache und abstrakte Bildwelt sind für kleinere Kinder schwer zugänglich. Auch für gesellige Weihnachtsfeiern, bei denen im Hintergrund gesungen werden soll, passt es aufgrund seines fordernden und meditativen Charakters wahrscheinlich nicht optimal.
Abschließende Empfehlung
Wähle dieses Lied genau dann, wenn du die Weihnachtsbotschaft einmal jenseits von Glockengeläut und Schlittenfahrten erfassen möchtest. Der perfekte Moment ist die Stille am späten Heiligen Abend, vielleicht nach der Bescherung, wenn die Hektik vorbei ist und Raum für Besinnlichkeit entsteht. Es ist das ideale Lied, um das Weihnachtsfest mit Tiefgang zu beschließen und sich persönlich ansprechen zu lassen: "Lass dich erleuchten, meine Seele". Hier findest du nicht nur einen Text, sondern eine ganze spirituelle Haltung zu Weihnachten, die zum Nachdenken und zur inneren Einkehr einlädt.
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