Willst du noch länger draußen stehn
Kategorie: Bayerische Weihnachtslieder
Willst du noch länger draußen stehn,
Autor: Julius Sturm
gesegneter des Herrn?
Ich fühle deinen Atem wehn
und weiß, du bist nicht fern.
Die Pforten sind weit aufgetan
für dich, du werter Gast.
Sieh meine Niedrigkeit nicht an
und halte bei mir Rast!
Mein brennend Herz verlangt nach dir,
um ganz sich dir zu weihn.
Herr Jesu, komm, kehr ein bei mir,
wohn in mir, du allein!
Schließ aus die Welt, schließ alles aus,
was mich von dir noch trennt,
und mach mein Herz zum Gotteshaus
bis an mein selig End!
- Kurze einleitende Zusammenfassung
- Historie & Entstehungsgeschichte
- Biografischer Kontext
- Inhaltliche Deutung & Botschaft
- Kulturelle und historische Bedeutung
- Welche Stimmung erzeugt das Lied?
- Für welche Anlässe eignet sich das Lied?
- Für welche Altersgruppe eignet sich das Lied?
- Für wen eignet sich das Lied weniger?
- Abschließende Empfehlung
Kurze einleitende Zusammenfassung
"Willst du noch länger draußen stehn" ist ein tiefgründiges Advents- und Weihnachtslied, das sich von vielen fröhlichen Festgesängen deutlich abhebt. Es ist kein lauter Klassiker der breiten Masse, sondern ein poetisches Juwel, besonders in kirchlichen und besinnlichen Kreisen geschätzt. Seine Unverwechselbarkeit liegt in der intimen, fast bittenden Ansprache an das Christuskind, die weniger die Geburt feiert als vielmehr sehnsüchtig die persönliche Ankunft Jesu im Herzen des Gläubigen erwartet. Es ist ein Lied der stillen Vorbereitung und der inneren Einkehr.
Historie & Entstehungsgeschichte
Der Text des Liedes stammt von dem deutschen Pfarrer und Dichter Julius Sturm. Er verfasste es im Jahr 1850. Die heute geläufige, einfühlsame Melodie wurde eigens für diesen Text von dem Komponisten und Kirchenmusiker Johann Heinrich Ludwig (genannt Louis) Hölscher komponiert. Hölscher war ein Zeitgenosse Sturms und vertonte viele seiner geistlichen Gedichte. Das Lied entstand somit in der Mitte des 19. Jahrhunderts, einer Zeit, in der die romantische und gefühlsbetonte Frömmigkeit in der Kirchenmusik und Dichtung starken Ausdruck fand.
Biografischer Kontext
Julius Sturm (1816-1896) war ein produktiver deutscher Schriftsteller und evangelischer Pfarrer aus Thüringen. Er gilt als typischer Vertreter der spätromantischen Erbauungsliteratur. Seine Gedichte, von denen viele vertont wurden, zeichnen sich durch eine volkstümliche, herzliche und bildreiche Sprache aus, die stets auf eine klare christliche Botschaft zielt. Obwohl er heute weniger bekannt ist als andere Dichter, prägte seine fromme Lyrik das geistliche Liedgut des 19. Jahrhunderts nachhaltig. Louis Hölscher (1818-1865) war Organist und Komponist, der vor allem durch seine einfachen, sanglichen und innigen Vertonungen von Sturm-Texten in kirchlichen Gemeinden Verbreitung fand.
Inhaltliche Deutung & Botschaft
Die Kernbotschaft des Liedes ist die Einladung und Bitte an Jesus Christus, im Herzen des Betenden einzukehren. Es geht über die Weihnachtsgeschichte von Bethlehem hinaus und macht sie persönlich erfahrbar. Der "Gast" steht symbolisch vor der Tür des eigenen Lebens. Das lyrische Ich öffnet diese Tür bewusst ("Die Pforten sind weit aufgetan") und bittet inständig um Gemeinschaft. Die zentrale Bitte "mach mein Herz zum Gotteshaus" fasst das Anliegen zusammen: Das eigene Leben soll zum dauerhaften Wohnort für das Göttliche werden, ein Ort der Andacht und Verbindung, der über das Weihnachtsfest hinaus bis zum "selig End" Bestand haben soll.
Kulturelle und historische Bedeutung
In der deutschen Weihnachtskultur nimmt das Lied eine Nischenposition ein. Es ist vor allem in evangelischen Gesangbüchern zu finden (z.B. EG 17) und wird häufig in Adventsgottesdiensten, bei Hausandachten oder in Stundengebeten gesungen. Seine internationale Verbreitung ist gering, da es stark von der deutschen romantischen Sprach- und Gedankenwelt geprägt ist. Bekannte Übersetzungen oder Adaptionen in andere Sprachen sind nicht weit verbreitet, was seinen Charakter als besonderen Schatz des deutschsprachigen geistlichen Liedgutes unterstreicht.
Welche Stimmung erzeugt das Lied?
Das Lied erzeugt eine Stimmung der tiefen Sehnsucht, der stillen Erwartung und der innigen Andacht. Es ist durchdrungen von einer warmen Demut und einer fast zärtlichen Bitte. Die Musik unterstützt dies durch einen getragenen, ruhigen Rhythmus und eine Melodie, die sich wellenartig der Textaussage anpasst. Es ist kein Lied zum lauten Jubeln, sondern zum leisen Singen, Nachdenken und Meditieren. Es lädt zur inneren Sammlung und zum Innehalten ein.
Für welche Anlässe eignet sich das Lied?
Es eignet sich hervorragend für die ruhigen Momente der Adventszeit, die der persönlichen Vorbereitung dienen. Perfekt ist es für Adventsandachten, sei es in der Kirche, im Kreise der Familie oder im stillen Kämmerlein. Auch in Gottesdiensten am frühen Morgen (Frühandacht) oder am späten Abend (Vesper) entfaltet es seine volle Wirkung. Es passt besonders gut in die Zeit vor dem Heiligen Abend, wenn es um das Warten und das Öffnen der eigenen Herzenspforte geht.
Für welche Altersgruppe eignet sich das Lied?
Das Lied spricht in erster Linie erwachsene Hörer und Sänger an, die eine Affinität zu besinnlicher, textlastiger und theologisch reflektierter Musik haben. Jugendliche, die sich in Konfirmationsgruppen oder Jugendkreisen mit dem Thema Glaube und persönliche Spiritualität auseinandersetzen, können ebenfalls einen Zugang finden. Durch seine klare, bildhafte Sprache ist es grundsätzlich auch für ältere Kinder verständlich, die Freude an ruhigen, erzählenden Liedern haben.
Für wen eignet sich das Lied weniger?
Es eignet sich weniger für Menschen, die Weihnachten primär als ein lautes, festliches und geselliges Familienfest erleben und entsprechende unbeschwerte Lieder suchen. Auch für reine Kinderweihnachtsfeiern mit actionreichen Programmen ist der textliche Tiefgang und die ruhige Melodie wahrscheinlich zu anspruchsvoll. Wer nach schnellen, eingängigen Ohrwürmern oder traditionellen Volks-Weihnachtsliedern sucht, wird hier nicht fündig werden.
Abschließende Empfehlung
Wähle dieses Lied genau dann, wenn du eine Pause vom vorweihnachtlichen Trubel brauchst und einen Moment der echten geistlichen Einkehr suchst. Der perfekte Moment ist ein dunkler Adventsabend, vielleicht nur im Schein einer Kerze, allein oder mit wenigen gleichgesinnten Menschen. Singe oder höre es, wenn du nicht nur von Weihnachten singen, sondern dich aktiv auf die Ankunft des Göttlichen in deinem eigenen Leben vorbereiten möchtest. Es verwandelt den äußeren Advent in einen inneren und macht die Weihnachtsbotschaft auf einzigartige Weise persönlich und gegenwärtig.
Mehr Bayerische Weihnachtslieder
- Wer klopfet an? -
- A A A, das Kindlein lieget da -
- Es blühen die Maien -
- Der Morgenstern ist aufgedrungen -
- Es wird scho glei dumpa - Anton Reidinger