Wer klopfet an?
Kategorie: Bayerische Weihnachtslieder
Wer klopfet an? O zwei gar arme Leut!
Autor: unbekannt
Was wollt ihr denn? O gebt uns Herberg heut!
O durch Gottes Lieb wir bitten,
öffnet uns doch eure Hütten!
O nein, nein, nein! O lasset uns doch ein!
Es kann nicht sein. Wir wollen dankbar sein.
Nein, nein, nein, es kann nicht sein.
Da geht nur fort, ihr kommt nicht rein.
Wer vor der Tür? Ein Weib mit ihrem Mann.
Was wollt denn ihr? Hört unser Bitten an!
Lasset heut bei euch uns wohnen.
Gott wird euch schon alles lohnen!
Was zahlt ihr mir? Kein Geld besitzen wir!
Dann geht von hier! O öffnet uns die Tür!
Ei, macht mir kein Ungestüm,
da packt euch, geht wo anders hin!
Was weinet ihr? Vor Kält erstarren wir.
Wer kann dafür? O gebt uns doch Quartier!
Überall sind wir verstoßen,
jedes Tor ist uns verschlossen!
So bleibt halt drauß! O öffnet uns das Haus!
Da wird nichts draus. Zeigt uns ein andres Haus.
Dort geht hin zur nächsten Tür! Ich hab nicht Platz, geht nur von hier!
Da geht nur fort! O Freund, wohin, wo aus?
Ein Viehstall dort! O Josef, nur hinaus!
Ach mein Kind, nach Gottes Willen
musst du schon die Armut fühlen!
Jetzt packt euch fort! O dieses harte Wort!
Zum Viehstall dort! O wohl ein schlechter Ort!
Ei, der Ort ist gut für euch; ihr braucht nicht viel, da geht nur gleich!
- Kurze einleitende Zusammenfassung
- Inhaltliche Deutung & Botschaft
- Kulturelle und historische Bedeutung
- Welche Stimmung erzeugt das Lied
- Für welche Anlässe
- Für wen eignet es sich
- Für wen eignet es sich weniger
- Abschließende Empfehlung
Kurze einleitende Zusammenfassung
Das Lied "Wer klopfet an?" ist ein ergreifendes und dramatisches Weihnachtslied, das weniger ein fröhlicher Klassiker als vielmehr ein tiefgründiges Volkslied ist. Seine Unverwechselbarkeit liegt in der direkten, dialogischen Erzählform. Es stellt nicht die besinnliche Krippenszene in den Mittelpunkt, sondern den beschwerlichen und von Abweisung geprägten Weg dorthin. Du erlebst die Weihnachtsgeschichte hier nicht aus der sicheren Distanz, sondern als unmittelbares, bewegendes Gespräch zwischen den verzweifelten Heiligen Eltern und hartherzigen Bewohnern.
Inhaltliche Deutung & Botschaft
Die Kernbotschaft des Liedes ist scharf und sozialkritisch. Es thematisiert menschliche Kälte, Ablehnung und die Gleichgültigkeit der Welt gegenüber den Armen und Schutzlosen. Maria und Josef erscheinen nicht als verehrte Heilige, sondern als real existierende, frierende und verzweifelte Obdachlose. Die Botschaft ist eine doppelte: Sie zeigt die tiefe Demut und das Leid der Heiligen Familie und wirft gleichzeitig einen schonungslosen Spiegel vor das Gesicht des Zuhörers. Die Frage "Wer klopfet an?" wird so zu einer moralischen Prüfung für jeden, der sie hört. Das Lied endet nicht mit tröstlicher Geborgenheit, sondern mit der bitteren Realität der Stallherberge, was seine Aussagekraft noch verstärkt.
Kulturelle und historische Bedeutung
In der deutschen Weihnachtskultur nimmt "Wer klopfet an?" eine besondere Nische ein. Es ist vor allem in regionalen, oft süddeutschen oder alpinen Traditionen verankert und wird bei Herbergsuchen oder in Weihnachtsspielen gesungen. International ist es weniger bekannt als "Stille Nacht", besitzt aber eine starke Authentizität als Volksgut. Übersetzungen oder direkte Adaptionen in andere Sprachen sind selten, was seinen Charakter als spezifisch deutschsprachiges Kulturgut unterstreicht. Seine historische Bedeutung liegt in der Bewahrung einer volkstümlichen, ungeschminkten Erzähltradition der Weihnachtsgeschichte, die das Wunder der Geburt durch die Brille der Not erfahrbar macht.
Welche Stimmung erzeugt das Lied
Das Lied erzeugt eine dichte, beklemmende und nachdenkliche Stimmung. Durch den schnellen Wechsel der Sprecher und die wiederholten, schroffen Abweisungen ("Nein, nein, nein", "Da packt euch, geht woanders hin!") entsteht ein Gefühl der Heimatlosigkeit und Verzweiflung. Es ist keine heimelige, kerzengleichende Adventsstimmung, sondern eine, die dich frieren lässt und innerlich aufwühlt. Die musikalische Umsetzung in Moll-Tonarten unterstreicht diese düstere Grundstimmung, die sich erst im Kontext der gesamten Weihnachtsbotschaft in Demut und Hoffnung auflösen kann.
Für welche Anlässe
Dieses Lied eignet sich besonders für Momente, in denen du die Weihnachtszeit jenseits von Glanz und Konsum reflektieren möchtest. Perfekt ist es für den Advent als Zeit der Erwartung und Besinnung, speziell in der stillen Woche vor dem Fest. Es passt hervorragend zu einer Herbergssuche, in den Rahmen eines Krippenspiels oder in einen Gottesdienst mit sozialem Schwerpunkt. Auch für einen Liederabend, der die Tiefe und Bandbreite weihnachtlicher Musik ausloten will, ist es ein unverzichtbarer und eindringlicher Beitrag.
Für wen eignet es sich
Das Lied spricht besonders Jugendliche und Erwachsene an, die bereit sind, sich auf eine ernsthafte, textlastige Auseinandersetzung mit dem Weihnachtsgeschehen einzulassen. Es eignet sich für Chöre, die nach ausdrucksstarkem, dramatischem Material suchen, sowie für Familien oder Gemeinden, die die traditionelle und weniger bekannte Seite des Weihnachtsliedguts pflegen möchten. Menschen, die eine emotionale und realistische Darstellung der biblischen Geschichte schätzen, werden von der Intensität dieses Liedes berührt werden.
Für wen eignet es sich weniger
Für eine rein festliche, unbeschwerte und fröhliche Weihnachtsfeier mit jüngeren Kindern ist "Wer klopfet an?" weniger geeignet. Die direkten Schimpfwörter ("Da packt euch") und die harte Thematik der Verstoßung können für kleine Kinder beängstigend oder irritierend wirken. Auch wer nach rein dekorativer, hintergrundtauglicher Weihnachtsmusik sucht, wird mit diesem fordernden und dialogischen Stück nicht glücklich werden. Es verlangt Aufmerksamkeit und eine gewisse Reife beim Zuhören.
Abschließende Empfehlung
Wähle dieses Lied genau dann, wenn du die Weihnachtsgeschichte einmal ganz anders, nämlich von ihrer menschlich-rauen Seite erleben willst. Der perfekte Moment ist ein ruhiger Abend im Advent, vielleicht beim gemeinsamen Singen mit der Familie oder im Kreis von Freunden, nachdem die ersten fröhlichen Lieder verklungen sind. Es ist das Lied für den Übergang von der hektischen Vorweihnachtszeit in die stille, ernste Besinnung auf den Kern des Festes. Lass es wirken als mahnende und bewegende Erinnerung daran, dass das Wunder in der Dunkelheit und nicht im Palast begann. Diese Tiefe macht unsere Quelle zum unverzichtbaren Begleiter für dein wahres Weihnachtsverständnis.
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